Weg zum Ganzen des Erlebten

Tümpel am Waldsaum
1 von 3
Tümpel am Waldsaum

Die Ausstellung nach Horst Schmedemanns 75. Geburtstag im Schweriner Dom mit 30 Gemälden und etlichen Grafiken gleicht einem abzuschreitenden Fries. Somit sind die Bilder der heimatlichen Landschaft, in der sie entstanden sind, enthoben und einem Ort höherer Weihen zugeführt. Es ist die Ebene der Kunst, die so schwer zu erreichende Fähigkeit, eine Form zu schaffen, die den Gehalt vermittelt.

svz.de von
13. Mai 2009, 07:19 Uhr

Schmedemann hat sich dies, ausgehend von Vorbildern und Anregern, von Rudolf Gahlbeck, Carl Hinrichs, Fritz Eisel, Karlheinz Effenberger, ohne akademisches Studium langwierig, durch den Beruf als Lithograph und Chemigraph allenfalls begünstigt, selbst angeeignet und ist darin noch immer weiter fortgeschritten: in der Malerei vom Pastell zur Ölmalerei, in der Radierung von der satirischen Zeichnung zum differenzierten Menschenbildnis in unterschiedlichen Aquatinten.

Da ist er, der hohe Himmel, der vielen Landschaftern des Nordens - seit Müller-Kaempff, Hennemann, Koenemann - und uns, den Betrachtern, das Herz öffnet. Schmedemann macht die Wolkengebilde über der weiten Ebene zu einem Sinnbild des Erlebens, weil diese Landschaft seine Heimat ist und - dies vor allem - weil er die Form zu gestalten weiß.

Was an Hingabe in das Bild gerät, muss eben auch wieder herauskommen. "Licht und Schatten" (2009), Wolkenhimmel über Kornfeld, Weg und Baum, ist vielleicht das reichste Bild in dieser Reihe, die Gegenstände einfach, von Helligkeit und Dunkel überströmt und ein Bildnis innerer Bewegtheit.

Albert Erich Brinckmann, 1919 Gründer des kunsthistorischen Instituts der Universität Rostock, konstatierte in seinem Werk über Altersstile in der Bildkunst, dass in der späten Phase "die Farben in einen Gesamtton verschmolzen, die Elemente, früher einzeln gegeneinandergestellt, auf eine Gesamtrelation hin ausgerichtet" werden. Nicht nur in Schmedemanns Landschaftspanoramen, auch in den Naturausschnitten wie "Tümpel am Waldsaum" ist dies deutlich erkennbar, umso wirkungsvoller der Farbhieb des auffliegenden Getiers.

Den Weg von der zeichnerischen Linie zur flächigen, ja räumlichen Form, vom Pastell zur Ölmalerei, von der Schilderung des Gesehenen zum Ganzen des Erlebten ist Schmedemann in einem folgerichtigen, aufbauenden Prozess gegangen. Auch in der Radierung hat er experimentell zu tonigen Verfahren gefunden, zu Reservage, Vernis mous und Mezzotinto, angewandt vorwiegend zur Erfassung nahestehender Menschen. "Lesende", Bildnis der Ehefrau, belegt dies aufs Schönste.

Schmedemanns Bilder fanden und finden die Zustimmung vieler Betrachter, nicht zuletzt durch zehn Jahrgänge seiner großformatigen Pastell-Kalender. Sie fordern aber auch zu einem zweiten Blick heraus, dem nach der Bewältigung der künstlerischen Form, der also den emotionalen Gehalt erschließt. Diesen Blick besteht der Künstler, und damit stellt er sich in die Reihe einer realistischen Bildtradition, die in Norddeutschland, aber nicht nur hier, Bestand hat und abseits vom Gänsemarsch modischer Innovationen weitergeführt wird.


Schweriner Dom, bis 29. Mai täglich 10 bis 18, sonntags 12 bis 18 Uhr

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen