Schwerin : Wahnwitzige Auferstehung

Bitterböses Clown-Spiel: Caroline Wybranietz (Hitler) und Kai Windhövel
Bitterböses Clown-Spiel: Caroline Wybranietz (Hitler) und Kai Windhövel

Premiere für die Polit-Satire um auferstandenen Hitler „Er ist wieder da“ im Schweriner E-Werk

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17. November 2015, 12:00 Uhr

Vor einem Repräsentationsbau à la Kanzleramt liegt ein qualmender Trümmerhaufen. Daraus reckt sich ein Arm, und dann kriecht er hervor, biegt seine Knochen zurecht, probt die bellende Stimme, sondiert die Lage und fragt nach der Reichskanzlei.

Er ist nun auch im Schweriner E-Werk wieder da. Nach dem ausschweifenden Roman „Er ist wieder da“ von Timur Vermes, der ein Bestseller war, und dem gleichnamigen Film von David Wnendt, der als Schocktherapie verstanden und umstritten wurde, hat Regisseur Dirk Audehm eine konzentrierte Fassung der Gesellschafts-Satire auf Ulv Jakobsens ironische Bühne gebracht.

Adolf Hitler erwacht wieder in Berlin, jetzt. Ein Kioskbesitzer hält ihn für einen Profi-Imitator, vermittelt ihn an Fernsehmacher, die überzeugt sind, dass der Mann „Comedy-Gold“ für die Quote ist. Sie finden seine Tiraden showfähig für das neue Volk, und er hat Klicks ohne Ende bei Youtube.

Hitler-Comedy? Dass über Hitler auch gelacht werden darf, ist seit Charlie Chaplins „Der große Diktator“ von 1940 opportun. Hier nun wird das Lachen über den Wahnwitz dieser Auferstehung zum Würgen im Hals, wenn der „Gröfaz“ zu seiner Sekretärin rückblickend faucht: „Es gab entweder ein ganzes Volk von Schweinen. Oder das, was geschehen ist, war keine Schweinetat, sondern der Wille eines Volkes.“ Schließlich hätte es „einen außergewöhnlichen Mann“ gewählt. Genau hier kippen in Audehms Regie Aberwitz und Persiflage um ins Menetekel.

Das Fräulein Krömeier, von Brigitte Peters bis dahin pointiert skurril gespielt, wird zur moralischen Instanz und hält dem Führer im persönlichen Schmerz um ihre Vorfahren ernüchtert die vergasten Juden vor. Und die Realität bricht ebenso per Video in die Fiktion ein mit Bildern der Deportation.

Die Story wird gewissermaßen auch zum Zerrspiegel, der jenen Medien vorgehalten wird, die mit Hitler immer wieder hausieren. „Er ist wieder da“ erscheint als Attacke auf Leute, in deren Köpfen und Demos jener Ungeist spukt.

Anja Werner, Rüdiger Daas, Kai Windhövel und Christoph Götz prägen das Figuren-Karussell bedenkenloser Zeitgenossen. Caroline Wybranietz aber tunt das Spiel. Sie zeigt den Demagogen mit blitzenden, rollenden Augen, mit Erregung, die seine Gesichtszüge entgleisen lässt, die Stimme zu Wortsalven hochfährt, den Körper verwindet.

Da winkt in den besten Momenten Chaplins Diktator. Ihr Hitler ist Psychopath wie Prediger der Untaten gleichermaßen. Bitterböses Clown-Spiel.

Von zwei Kapuzenmännern verprügelt, wird der TV-Star von seinen Produzenten im Krankenbett zu einem neuen Buch animiert: „Es war nicht alles schlecht.“

Damit, folgert Hitler, könne man arbeiten. Black und Schweigemoment beim Premierenpublikum am Sonntag. Angesichts mancher Aufmärsche ist diese Groteske mit Klängen von Grieg, Wagner und von Schlagern gewiss ein vermintes Komödien-Terrain. Und bei aller Hitlerei mahnt immer noch Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

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