Von Ochsen und Bären

Hasso Hartmann (l.), Künstlerischer Leiter des Filmkunstfestes, im Gespräch mit Erwin Sellering (r.), Ministerpräsident von MV, und Schauspieler Gojko MiticSilke Winkler
Hasso Hartmann (l.), Künstlerischer Leiter des Filmkunstfestes, im Gespräch mit Erwin Sellering (r.), Ministerpräsident von MV, und Schauspieler Gojko MiticSilke Winkler

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15. Februar 2010, 06:32 Uhr

Berlin/Schwerin | Wie das auf der Berlinale halt so ist. Man sieht Filme. Natürlich. Man trifft Schauspieler und Regisseure. Wenn man Glück hat. Und man erfährt Neues - über Filme, Schauspieler und Regisseure. Projekte, Pläne, Personalien, Filmklatsch eben.

Genauso war es auch gestern Mittag in der Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Die Filmland-MV GmbH, u. a. Träger des Schweriner Filmkunstfestes, hatte zum traditionellen Berlinale-Brunch geladen. Und wenn auch die Gäste über keinen roten Teppich schreiten durften - oder mussten - und statt Kaviar ehrlicher Broiler gereicht wurde, mit Oscarglanz und Berlinale-Bären konnte auch dieser Empfang aufwarten. Und mit einer überraschenden Personalie, die Ministerpräsident Erwin Sellering in seiner Eröffnungsrede, zur großen Überraschung der Veranstalter, in einem Nebensatz verriet.

Für Hasso Hartmann, langjähriger Künstlerischer Leiter des Filmkunstfestes, wird das kommende Festival, immerhin das 20., das Letzte sein. Die Seele dieses Festivals, war gestern zu hören, sind die Zuschauer und die Filmemacher mit ihren oft unbequemen, sozial engagierten Filmen. Dass auch Hasso Hartmann die Seele des Schweriner Filmkunstfestes ist, wird niemand bestreiten, der dieses Festival wirklich kennt und dem es wirklich jenseits aller Eitelkeiten wichtig ist.

Die 180 schönsten Drehorte auf einen Blick

Natürlich wurde auch gestern wieder das Filmland Mecklenburg-Vorpommern heraufbeschworen. "Filme aus unserem Land gehen um die Welt", verkündete stolz Erwin Sellering mit Blick auf Michael Hanekes "Das weiße Band", der in Westmecklenburg gedreht wurde, und Roman Polanskis "Der Ghostwriter". Der Polanski-Film, im Wettbewerb der Berlinale, entstand nicht nur in Teilen auf Usedom, er wurde sogar mit 200 000 Euro aus Mitteln der Wirtschaftlichen Filmförderung MV unterstützt Wie Antje Nass von der FilmlocationMV sagte, flossen etwa 600 000 Euro während der Dreharbeiten zurück ins Land - u. a. für Sicherheitskräfte, Handwerker, Catering. Die FilmlocationMV hat inzwischen 180 Drehorte in ihrer Datenbank - Alleen, Herrenhäuser, Fabrikhallen - aus der sich Filmemacher bedienen können.

Nicht als vordergründige Kulisse benutzt der Leopold Grün die Landschaft an der Oder. Der Regisseur des erfolgreichen Dean-Reed-Filmes "Der Rote Elvis", arbeitet im Moment an einem neuen Dokumentarfilm - Arbeitstitel "Randland". In einem kleinen Straßendorf bei Neubrandenburg erforscht er mit der Kamera das Leben so genannter kleiner Leute, scheinbarer Verlierer gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels, die sich aber nicht kleinkriegen lassen und, aller Tristesse zum Trotz, eine neue Solidarität untereinander leben. Der Film, der das Leben in diesem Dorf über ein Jahr begleitet, soll 2011 in die Kinos kommen. Auch dieses Werk wurde von der kulturellen Filmförderung MV unterstützt.

Für das 20. Schweriner Filmkunstfest bereitet Hasso Hartmann gemeinsam mit der Festivalmannschaft ein Programm vor, dass dem Jubiläum wirklich gerecht wird. "Sie werden großartig scheitern", hatte 1991 ein Kritiker zumStart des Filmfestes orakelt. Die großen Namen von Regisseuren und Schauspielern, von jungen Regisseuren und Schauspielern, die inzwischen groß geworden sind, strafen den Kritiker Lügen.

Auch vom 4. bis 9. Mai 2010 wird es nicht anders sein. Mit den Schauspielern Maria Schrader, Hannelore Elsner und Annekathrin Bürger, mit dem Regisseur Andreas Dresen, mit dem TV-Journalisten Klaus Bednarz und dem Schriftsteller Christoph Hein und nicht zuletzt mit Star-Kameramann Michael Ballhaus ist die Jury des Spielfilmwettbewerbs so prominent besetzt wie lange nicht.

Hannelore Elsner und Manfred Krug

Und wer könnte das Motto "20 Jahre Filmkunstfest - 20 Jahre deutsche Einheit" besser repräsentieren als der deutsch-deutsche Schauspieler und Sänger Manfred Krug, der in diesem Jahr mit dem Ehrenpreis "Der Goldene Ochse" ausgezeichnet wird und am 7. Mai gemeinsam mit Uschi Brüning eines seiner legendären Konzerte geben wird.

Im Moment sichtet die Festivalredaktion 100 Spiel- sowie 100 Dokumentar- und 200 Kurzfilme, um einen spannenden Wettbewerb auf der Höhe der Zeit zu garantieren. In der Retrospektive werden im Mai Spiel- und Dokfilme gezeigt, die in den 20 Jahren das Festival prägten - von Christoph Schlingensief über Helke Misselwitz und Dieter Schumann bis Christian Schwochow und Christian Petzold.

Und was ist nun mit dem versprochenen Oscar- und Berlinale-Bären-Glanz? Hier ist er. Alexander Freydank, der vor einem Jahr für seinen Kurzfilm "Spielzeugland" den Oscar bekam, verriet gestern, dass er zwar im April einen "Tatort" drehen werde, aber die Oscar-Ehre ihm im alltäglichen Filmemacher-Kampf um Fördergelder nicht viel helfe. An sein "Herzensprojekt", eine Kafka-Geschichte, traut sich bislang noch kein Produzent heran.

Wolfgang Kohlhaase schließlich, der legendäre Drehbuchautor und Regisseur ("Solo Sunny"), der sich gestern beim Filmfestempfang fühlte "wie bei alten Bekannten", wird auf der Berlinale gemeinsam mit Hanna Schygulla mit einem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet.Das Versprechen des großen Filmemachers nehmen wir auch als ein Versprechen auf die alte und junge Kunst des Films und also auf eine Zukunft des Filmkunstfestes Schwerin in den nächsten 20 Jahren: "Glauben Sie nur nicht, dass ich den Bären nun nach Hause trage und nie wieder rauskomme."

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