Kulturpreis MV : Von der Keimzelle zum Künstlerschloss

Miro Zahra wird heute mit dem Kulturpreis des Landes geehrt.

Miro Zahra wird heute mit dem Kulturpreis des Landes geehrt.

Künstlerin Miro Zahra wird heute mit dem bedeutendsten Kulturpreis Mecklenburg-Vorpommerns geehrt. Im Interview erzählt sie von ihrem Schaffen

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09. November 2015, 12:00 Uhr

Prag und Berlin standen ihr offen, doch Miro Zahra ging nach Plüschow. Als sie das erste Mal den kleinen Ort bei Grevesmühlen betrat, verliebte sie sich in ihn. Seitdem sind mehr als 25 Jahre vergangen. Ihre Leidenschaft für den Ort jedoch nicht. Durch ihr künstlerisches Schaffen hat sie hier, sowie in vielen anderen Orten Mecklenburg-Vorpommerns Spuren hinterlassen. Heute überreicht Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) der Künstlerin und Kuratorin für ihre Arbeit den Kulturpreis des Landes 2015. Sie sei eine „der wichtigsten Künstlerinnen und Künstler in unserem Land“, meint der Ministerpräsident. Mit dem Preis soll Zahra auch für den Aufbau des Mecklenburgischen Künstlerhauses Plüschow geehrt werden. In einem Interview mit Lisa Kleinpeter erzählt sie von ihrer Arbeit, ihrem Leben in Mecklenburg-Vorpommern und wie sie mit ihrer Kunst Menschen erreichen will.

Hallo Frau Zahra, heute erhalten Sie den Kulturpreis 2015 des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Sind Sie aufgeregt?
Zahra: Ein bisschen aufgeregt bin ich schon. Das ist ja eine unglaublich große Ehrung – eine der bedeutendsten Auszeichnungen in MV. Ich wurde bereits mehrfach nominiert, hatte aber keine große Erwartungshaltung, denn ich gehöre in der Runde der Ausgezeichneten eher zu den Jüngsten.

Hat denn künstlerisches Können etwas mit dem Alter zu tun?
Nein. Aber es geht bei dem Preis ja nicht nur um das künstlerische Schaffen, sondern um die vielen Facetten, die es bei einer künstlerischen Persönlichkeit zu würdigen gibt. Vielfältige Aktivitäten machen meine Persönlichkeit unbedingt aus. Ich arbeite nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Kuratorin. Dies schließt ein, dass ich mich auch für andere Künstler engagiere.

Ein Beispiel hierfür ist auch der Aufbau des Mecklenburgischen Künstlerhauses „Schloss Plüschow“, an dem Sie maßgeblich mitgewirkt haben. Auch dafür werden Sie heute ausgezeichnet.
Ja. Für diesen Teil nehme ich die Auszeichnung auch für meinen Partner Udo Rathke entgegen. Es war damals unsere gemeinsame Idee, ein internationales Künstlerhaus zu gründen. Heute gibt es hier Gastalteliers, Ausstellungen und Veranstaltungen. Inzwischen kommen die Künstler aus der ganzen Welt zu uns. Das macht auch den Zauber unseres Hauses aus.

Sie selbst kommen aus Prag, haben in Berlin an der Kunsthochschule Weißensee studiert. Wie sind Sie auf Plüschow gekommen?
Plüschow habe ich 1982 kennengelernt. Ich war damals im Berliner – ich nenn es mal – Schriftsteller-Untergrund-Netzwerk aktiv. Zu der Zeit konnte nicht jeder Texte drucken, wie er wollte. Oft gab es keine Genehmigung. Viele Schriftsteller umgingen dieses Hindernis, indem sie Künstlerbücher druckten. Im Schloss Plüschow gab es damals eine Lithographie-Presse. Das war etwas Besonderes. So kam ich mit meinem Freundeskreis nach Plüschow, wo ich auch Udo kennenlernte. Wir verliebten uns und ich blieb dort.

Von der kulturellen Großstadt aufs Land. War das nicht eine Umstellung?
Plüschow war damals am Ende der Welt, kurz vor dem Sperrgebiet. Absolut verwahrlost. Kulturell eine Wüste. Aber wir waren voller Elan und unglaublich verliebt in die Schönheit des Hauses. 1989 – kurz vor der Wende – haben wir die erste Ausstellung mit Gleichgesinnten organisiert. Aus dieser Keimzelle ist das heutige Künstlerhaus entstanden. Ein Jahr später gründete sich der Förderkreis Schloss Plüschow.

Kommen wir zurück, zu Ihren eigenen Werken. Wie sind Sie zur Kunst gekommen?
Ich bin in der Zeit der Repression nach 1968 in Prag aufgewachsen. Das hat mich sehr geprägt. Inoffizielle Kunst und Kultur waren damals unglaublich wichtig. Es kursierten Abschriften aus der Literatur, die nicht veröffentlicht werden durften. Und es gab Maler, die nicht ausstellen durften. Das waren unsere Helden. Echte Kunst ist aufrichtig. An ihr konnte man sich orientieren. Das machte zuversichtlich. Schließlich wollte ich auch Kunst studieren. Im Prinzip kam das aus dem Lebensgefühl heraus.

Welche Themen verarbeiten Sie in Ihren Werken?
Ich beschäftige mich viel mit der Problematik der Wahrnehmung, der Migration, der Heimat und der Fremde.

Diese Themen sind ja gerade sehr aktuell.
Ja. Vor ein paar Monaten hätte kaum jemand gedacht, welche Dimensionen dieses Thema in unserem Leben einnehmen wird. Vor drei Jahren habe ich mit polnischen und deutschen Künstlern auf Schloss Plüschow ein Projekt mit dem Titel „Heimat und Identität“ realisiert. Damals ahnten wir nicht, wie aktuell das Thema bald sein wird. Ich bin überzeugt davon, dass wir Künstler uns in diesem Prozess positiv einbringen können.

Wie könnte ein solches Wirken aussehen?
Da gibt es vielfältige Möglichkeiten. Mit unseren europäischen Partnern bin ich gerade dabei ein gemeinsames Projekt zu diesem Thema vorzubereiten. Wir wollen der Frage nachgehen, in welcher Form man fremde Kulturen mit unserer eigenen Kultur in Verbindung bringen kann. Die Idee ist, einen Raum dafür zu schaffen, in dem man sich auf Augenhöhe begegnet. Dann muss man sehr behutsam auf die Entwicklungen reagieren. Kunstprojekte ergeben sich daraus von selbst.

Also ist Ihre Kunst für Sie auch ein Sprachrohr?
Ich bin überzeugt, Kunst kann keine Lösung anbieten, aber sie entsteht aus der direkten Auseinandersetzung mit dem Leben. Ein Kunstwerk ist das Ergebnis eines künstlerischen Prozesses und ein Angebot zur Kommunikation. Das finde ich wunderbar und wichtig.

Ihre Werke sind jedoch sehr abstrakt. Wollen Sie dem Betrachter dennoch etwas mitteilen?
Stimmt. Meine Malerei ist nicht motivisch angelegt. Ich gebe keine konkreten Bilder vor, sondern ich bewege mich in einem Zwischenbereich. Ich gebe nur den Rahmen vor und vermittle mit meinen Bildern ein Gefühl von Diffusität und Unbestimmtheit. Das verwirrt und macht neugierig zugleich. Das Bild entsteht letztendlich im Kopf des Betrachters.

Als Preisgeld erhalten Sie 10  000 Euro. Was werden Sie damit machen?
Ich werde das Preisgeld für ein neues Kunstprojekt verwenden. Das Projekt wird sicherlich etwas mit dem Unterwegssein zu tun haben.

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