Theaterspielzeit 2015 : Vom Irrsinn in der Welt

Szene aus „Die lächerliche Finsternis“ mit Sebastian Reusse, Brit Claudia Dehler, Caroline Wybranietz und Christoph Götz (v.l.)
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Szene aus „Die lächerliche Finsternis“ mit Sebastian Reusse, Brit Claudia Dehler, Caroline Wybranietz und Christoph Götz (v.l.)

„Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz eröffnet die Spielzeit im Schweriner E-Werk

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14. September 2015, 12:00 Uhr

Ein Pirat aus Somalia sitzt vor dem Richter in Hamburg. Er wollte, erklärt er, Fischer werden, doch weil das Meer leergefischt ist, hat er ein Studium der Piraterie an der Hochschule Mogadischu absolviert und es angewandt. Keine Zivilisation mehr auch am Hindukusch. Bundeswehrsoldaten geraten auf der Suche nach einem Vorgesetzten, der durchgedreht ist, mit einem Boot auf einem Fluss in verrückte Lagen, treffen einen seltsamen Glaubensbringer, einen verzweifelten Händler, einen berichtenden Papagei. Wahn samt Witz und Gewalt wechseln rasch in einer grellen Geschichte aus Spiel und Erzählung.

Mit seinem Stück „Die lächerliche Finsternis“ hinterfragt Wolfram Lotz Krisen der globalisierten Gesellschaft, Rassismus, Fremden-Angst, Werteverluste. Angesichts des Flüchtlingsdramas draußen vor der Theatertür, ein Stoff zum Nachdenken. Den Lotz nicht nachdenklich formt. Er verwendet zwar Motive aus Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ und Francis Ford Coppolas Anti-Kriegsfilm „Apocalypse Now“, erzählt aber nicht logisch, nicht realistisch, sondern mit Bruchstücken von bizarr bis absurd. Das erinnert an das Theater jener praktisch vergessenen Avantgarde im vorigen Jahrhundert, von der ihr König Eugene Ionesco sagte: „Der moderne kritische Geist kann nichts mehr ganz ernst, aber auch nichts zu leicht nehmen.“ Sinnkrisen wie existentielle Unsicherheit des Menschen wurden von Künstlern seit je mit Grotesken reflektiert. So jetzt, und so fordert Lotz sozusagen mit Albtraumclips von materiellen wie geistigen Verwerfungen das Theater zu schräger Fantasie heraus.

Darauf steigt Alice Asper in ihrer Inszenierung zur Eröffnung der Spielzeit am Sonnabend im Schweriner E-Werk mit dem angemessenen Pop-Patchwork ein. Der Pirat in vierfacher Gestalt, Kamera für Nahaufnahmen, Takes für Illustrationen, für ein bisschen Sex, Frauen als Männer, multiple Figurenwechsel per Mütze und Hut, extreme Gestik, irre Aktion für irre Situation. Spott, Ironie, und für die tiefere Bedeutung muss der Zuschauer mitfantasieren. Dazwischen Momente leiser Tragik, die ja der Groteske verwandt ist. Das hat Rhythmus, der von Johannes Richter mit Feuerwerk am Schlagwerk bedrängend verstärkt wird. Das fegt über die Bühne von Holger Syrbe, auf der ein Gefährt zwischen Boot, Bunker und Panzer dominiert.

Allerdings, die zum „Stück des Jahres“ ernannte Szenerie basiert auf einem Hörspiel, das lässt an prägnante Artikulation denken, hier wird sie mitunter Opfer der Wildheit. Dennoch, Brit Claudia Dehler, Caroline Wybranietz, Christoph Götz und Sebastian Reusse reißen das Befinden ihrer Figuren heftig auf; Dehler kurios als Soldaten-Depp, ebenso Wybranietz als tuntig Durchgedrehter. Die Akteure zeigen mit bissiger Komik Verformungen des Individuums in unheiler Welt, das Sich-selbst-Fremdwerden.

Starker Premierenbeifall. Anregender Auftakt einer Spielzeit, nach deren Ende auch das erfolgreiche Schauspielensemble des Theaters am Ende sein wird.

Hintergrund:
Es ist eine Spielzeit der Abschiede für das Schweriner Theaterpublikum. Nach 17 Jahren verlässt Generalintendant Joachim Kümmritz (65) die Spitze des Hauses und geht in den Ruhestand. Er bleibt allerdings Chef der Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz. Der künftige Schweriner Generalintendant Lars Tietje, der aus Nordhausen (Thüringen) kommt, wechselt mehrere Top-Positionen aus. Kümmritz hat für seine letzte Spielzeit 23 Premieren in Schauspiel, Musiktheater, Ballett und niederdeutscher Fritz-Reuter-Bühne angekündigt. Zudem stehen rund 50 Konzerttermine der Mecklenburgischen Staatskapelle auf dem Spielplan. Den Spielzeitabschluss bildet das große Opern-Open-Air auf dem Alten Garten im Sommer 2016 mit Verdis „Aida“.

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