Ballett-Klassiker "Coppélia" im Mecklenburgischen Staatstheater : Viel Tradition, viel Humor

Swanilda mit Franz versöhnt: Davina Kramer und Igor Voloshyn Foto: Silke Winkler
Swanilda mit Franz versöhnt: Davina Kramer und Igor Voloshyn Foto: Silke Winkler

Mit einer Buch-Metapher stimmt Schwerins neuer Ballettchef Sergej Gordienko auf seine Lesart des Klassikers "Coppélia" ein: Hier ist Märchenland mit poetischem Spuk. Figuren schlüpfen in die Buchseiten hinein und heraus.

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23. September 2012, 06:38 Uhr

Ein Magier lässt einen riesigen Coppélia-Band aufschlagen: Auf dem Frontispiz der Besetzungszettel. Beim Weiterblättern zeigt sich ein Städtchen mit schiefen Häusern und Texten, schon schleicht Coppélius umher. Mit der Buch-Metapher von Ronald Winter stimmt Schwerins neuer Ballettchef Sergej Gordienko auf seine Lesart des Klassikers "Coppélia" ein: Hier ist Märchenland mit poetischem Spuk. Figuren schlüpfen in die Buchseiten hinein und heraus, Jungen und Mädels leben ausgelassen. Die Beziehung zwischen Swanilda und Franz pendelt heftig. Wenn sie entdeckt, dass die vermeintliche Rivalin, bei der er fensterlt, ein Puppengeschöpf ist, schlägt ihre Eifersucht in Schabernack um, den sie mit Coppélius in dessen Werkstatt treibt: In Coppélias Kleidern narrt sie den Kauz, der glaubt, seinem Apparat die Seele von Franz einhauchen zu können. Immerhin kann er später Versöhnung ins zerstrittene Paar zaubern.

Gordienko liest den Stoff, der von E.T. A. Hoffmann herkommt, nicht verdüstert, er phantasiert ihn in Eigenfassung für kleines Ensemble als Komödie. Dafür serviert er choreographisch alles, was klassisches Ballett ausmacht: Attitudes und Arabesques, Batterie, Jetes und Touren. Harmonische Formationen, ästhetische Hebungen, fließende Soli und hochtourige Ensembles, die folkloristisch angereichert sind. Alles malerisch wie tanzgerecht kostümiert von Giselher Pilz. So viel Tradition war hier lange nicht zu sehen, so viel Humor auch nicht. Im Lesebuch, das Bilderbuch wird, sind Episoden und Divertissement, also reiner Tanz, so locker verbunden, wie bei einer Lektüre Gedanken springen können.

Die Schweriner Compagnie, teils neu besetzt, vielfach und auch schon international geübt in moderner Tanzsprache, vollzieht den Formenkanon mit augenscheinlicher Lust. Dafür gibt Martin Schelhaas mit der Staatskapelle die Impulse, er musiziert den Melodienreichtum von Léo Delibes nicht isoliert als Anlass zum Tanz, sondern flexibel und delikat als Träger des Geschehens; wofür er vom Tänzerinnenübermut per Papierkugel bombardiert wird.

Wie strenges Vokabular zum individuellen Ausdruck werden kann, zeigt Davina Kramer als Swanilda: Sie verkörpert den Seidenklang der Streicher, überzieht Technik mit dem gewitzten Spiel einer Frau, die, quotenmäßig gesagt, reif ist für den Märchen-Aufsichtsrat. Voller Anmut, wie im Hochzeits-Pas de deux mit Igor Voloshyn, dem so vitalen wie noblen Danseur, mittels verzögerter Figuration emotionale Intensität ausgereizt wird. Maxim Perju als skurriler Coppélius wie von Stromstößen gepeitscht, ein Hexenmeister der tragikomischen Art, schillernd. Veselina Handzhieva und Eliza Kalcheva so quirlig wie präzis als Freundinnen, Katharina Schmidt, Christoph Schedler und Sota Okamoto mit Puppenmechanik, die man zu hören glaubt. Und die Gruppen voller Typen.

Wenn der Magier das Buch schließt, die erstarrten Figuren wegtragen lässt, kommt Shakespeares Puck in den Sinn: ". . . geschaut in Nachtgesichten eures eignen Hirnes Dichten." Unterm Jubel des Premierenpublikums kam das bunte Handlungsballett für die ganze Familie zurück aus der Verbannung. Voll unterhaltsam.

Nächste Termine: 27. 9. und 11.10., jeweils 19.30 Uhr. Karten: (0385) 5300123; kasse@theater-schwerin.de

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