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Kunst : Viel mehr als nur ein Blatt Papier

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Ausstellung „Entgrenzung – Positionen zur Zeichnung“ auf Schloss Plüschow

Noch bis zum 10. August hat der Besucher auf Schloss Plüschow die Gelegenheit, eine hochkarätige Ausstellung zu sehen, die unsere traditionelle Vorstellung von Zeichnung auf einem Blatt Papier sprengt.

Gerade die Zeichnung ist immer der direkteste Weg zur Handschrift eines Künstlers, mit der er seine unmittelbaren Gedanken zu Papier bringen kann. Mittlerweile nutzen Künstler diese Möglichkeiten der Zeichnung für andere Medien wie Film und Rauminstallationen. So haben die Kuratorinnen Kornelia Röder und Antonia Napp elf nationale und internationale Künstler für die Ausstellung Entgrenzung auf Schloss Plüschow versammelt, die uns mit ihren Zeichnungen vom Papier in die dritte Dimension führen.

Darunter solch bekannte Namen wie der renommierte südafrikanische Künstler William Kentridge, der mit seinen aus Kohlezeichnungen bestehenden Animationsfilmen die südafrikanische Geschichte und ihre sozialen Umstände reflektiert. Bereits mehrfach war er mit seinen expressiven Arbeiten auf der Biennale in Venedig und der Documenta in Kassel vertreten. In der Ausstellung ist seine Videoinstallation Tide Table, Gezeitenkalender aus dem Jahre 2003 zu sehen.

Besonders eindrucksvoll ist die Rauminstallation „Drawing in Space – Passage“ der in Berlin lebenden koreanischen Künstlerin Jeongmoon Choi, die mittels Wollfäden und Schwarzlicht im Raum zeichnet. Ihre Räume ergreifen den Betrachter körperlich und erschüttern seine Wahrnehmung nachhaltig.

Auch die Berliner Künstlerin Ursula Döbereiner legt ihre Installation „KOTTI“ – bestehend aus tapezierten Wandzeichnungen, 3D-Bildern und Computeranimation – über den historischen Raum auf Schloss Plüschow. Sie war bereits im Jahr 2000 hier Stipendiatin und kennt die Umgebung gut.

Die Linie an sich in neuer Form zu betrachten und aus ihrem engen Raum von dunklem Strich auf hellen Grund zu lösen, hat sich der in Leipzig geboren Künstler Jan Wawrzyniak zur Aufgabe gemacht. Bei Carsten Sievers bildet eine einfache Wellenlinie die Grundlage. Durch Faltungen des transparenten Papiers wird die simple Linie zu einer komplexen Schichtung von Ebenen verdichtet.

Den in Pinnow lebenden Künstler TO Helbig interessieren nicht die Linien, sondern das Trägermaterial Papier. Für seine Arbeit „Schwingen“ verwendet er handgeschöpftes Papier, das er gleich riesigen Schmetterlingsflügeln im Raum platziert. Das Papier wird so selbst Zeichen im Raum. Wie eng Schrift und Zeichnung miteinander verbunden sind, wird offenbar in den Notizbüchern des Berliner Künstlers Mark Lammert. Die eng beschriebenen Seiten lösen bekannte Strukturen von Texten wie Überschriften, Kapitel und Absätze auf, schaffen aber ganz neue, sichtbare Strukturen durch ihre im Prozess des Abschreibens entstandenen Leerstellen. Nicht die Illustration des Textes zeigen diese Strukturen, sondern vielmehr der Prozess des Erkennens und Wahrnehmens eines Textes.

Auch die mecklenburgische Künstlerin Tanja Zimmermann nutzt die notizhafte Qualität der Zeichnung. In ihrer Installation „Poems“ hält sie Gedankengänge und Assoziationen zu den Gedichten von Mark Strand in Form von Zeichnungen und Notizen in einem fortwährenden Prozess fest, wobei zarte, sinnliche Farben Empfindungen transportieren.

Die Arbeiten des Bukaresters Dan Perjovschi spielen politisch brisant zwischen Zeichnung, Graffiti und Cartoon. In Plüschow zeigt er eine Wandinstallation, bestehend aus Einladungskarten von Ausstellungen als einfaches Trägermaterial subversiver, politischer Gesellschaftskritik.

Ein Thema, das auch für den Schweizer Björn Achilles im Zentrum seiner Arbeiten steht. Er wandelt die Zeichnung gemeinsam mit Wolfgang Kriener in ein Computerspiel um. Hier treffen sich Personen des historischen Zeitgeschehens und der Spieler verliert sich in einem Labyrinth des Grauens. Abgesperrt zwischen Bauzäunen ist das interaktive Computerspiel installiert.

In den Bereich der Klanginstallation führt schließlich der Kasseler Josefh Delleg die Zeichnung, wobei hier der eigentliche Prozess des Zeichnens den Ton hervorruft. An Pulten befestigte Stifte fallen auf die Schreiboberfläche herunter und produzieren Geräusche, die ein zufallsgeneriertes Konzert des Zeichnens hervorrufen. Delleg hat diese Installationen daher auch „Hommage an John Cage“ genannt, den Komponisten, Künstler und großen Protagonisten Neuer Musik, von dem sich bedeutende Arbeiten im Staatlichen Museum Schwerin befinden.

So beweist die Plüschower Ausstellung eindrucksvoll nicht nur, auf welch hohem Niveau Kunst in Mecklenburg zu sehen ist, sondern auch welches künstlerische Potential hier im Land vorhanden ist.

Die Sommerausstellung „Entgrenzung – Positionen zur Zeichnung“ ist auf Schloss Plüschow von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet.


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