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Kunst- und Kulturverein Ludwigslust präsentiert Arbeiten von Joachim John : Verwandlungen und Zoten

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Weil er um Genauigkeit im Umgang mit dem Alter bitten darf, gleich zu Beginn: Joachim John wurde am 20. Januar 1933 geboren. Am Freitag wurde die Ausstellung "Hans GuckindieLuft - Bilder zur Literatur" eröffnet.

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erstellt am 04.Jul.2011 | 08:08 Uhr

Ludwigslust | Weil auch ein älterer Künstler um Genauigkeit im Umgang mit seinem Alter bitten darf, gleich zu Beginn und zum Mitschreiben: Joachim John wurde am 20. Januar 1933 in Nordböhmen geboren. Um dieses Datum gab es bei der Eröffnung der Ausstellung "Hans GuckindieLuft - Bilder zur Literatur" in der Alten Post in Ludwigslust am Freitag einige Irritationen. Meister John war nicht amüsiert; davon abgesehen hat der rührige Kunst- und Kulturverein zu Ludwigslust eine kleine, feine Ausstellung für einen der wichtigsten Künstler Mecklenburg-Vorpommerns ausgerichtet. Für einen Mann, der sich seit Jahrzehnten mit seinen Grafiken, Zeichnungen und Gemälden und zunehmend auch als listiger Geschichtenerzähler nicht nur in den kulturellen Disput einbringt.

Zu Johns Themen gehören immer auch die Verhältnisse, die vor der eigenen Tür, auf dem enteigneten Acker, draußen in der Welt, zwischen oben und unten. Und weil die Verhältnisse, wie es der von John verehrte Brecht singen ließ, nun einmal nicht so sind, fand und findet der in Neu-Frauenmark bei Gadebusch lebende Künstler für die Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse in seinem Bildertheater Geschichten und Figuren, die er sich aus Mythologie, Geschichte und Literatur anverwandelt: Hans GuckindieLuft etwa, der strammen Schrittes durch die aufgerissene Berliner Mauer spaziert und der Vergangenheit frech die Zunge herausstreckt, ohne auf den Weg vor ihm zu achten. Wo ihm an langen Angeln schillernde Grillen vors Maul gehalten werden. Wo im Wasser schon die Haie lauern. Wo am Himmel der Ikarus mit weiten Schwingen der Sonne entgegenfliegt. Ikarus, Sinnbild des unstillbaren Verlangens nach Freiheit, koste es, was es wolle. Ikarus und Hans GuckindieLuft, zwei Brüder im Geiste des unbekümmerten, zugleich selbstverschuldeten Scheiterns.

Wer mit dem Werk Joachim Johns vertraut ist, wird neben diesen beiden Figuren in Ludwigslust weiteren alten Bekannten begegnen: Porträts des Dichters Christoph Martin Wieland aus der Serie "Schriftsteller der Aufklärung" oder ein prägnantes Kafka-Bildnis.

Natürlich dürfen in einer Ausstellung, die sich besonders literarischen Illustrationen widmen will, Johns Zeichnungen zu Machiavellis "Mandragola" nicht fehlen, jener um 1518 in Florenz entstandenen, erotischen Sittenkomödie, die John selbst einmal "eine alte Zote" genannt hat. Der reiche, alte, dumme, impotente Nicia will darin von seiner hübschen jungen Frau Lucrezia einen Erben. Das soll der arme lüsterne Callimaco besorgen… Über tausend Blättchen zur italienischen Commedia hat John gezeichnet. Er selbst wäre, wie man weiß, in jungen Jahren beinahe beim Theater gelandet. Ganz losgekommen ist er, wie man an den "Mandragola"-Arbeiten sieht, nie von der Bühne.

Zuweilen hat er sich sogar ganz dem Theater gewidmet: 1989 schuf John für das Foyer des Schweriner Theaters ein 100 Quadratmeter großes Panoramabild zur Französischen Revolution - ein phantastischer Fries aus 75 Figuren. Vergleichbares ist aus der mecklenburgischen Kunstgeschichte nicht bekannt. 1993 malte John dann auch für das Cottbuser Theater das monumentale Wandbild "Verwandlungen in Deutschland". In der Alten Ludwigsluster Post beherrscht dieses grandiose Bild mit dem sterbenden Marat-Marx in der Badewanne nun die Stirnwand der ehemaligen Schalterhalle. Nicht zum ersten Mal hatte Joachim John damals Jacques-Louis Davids Gemälde "Der Tod des Marat" (1793) zitiert.

Müsste es für Kunstwissenschaftler und Museen nicht eine schöne Aufgabe sein, zum 80. Geburtstag Joachim Johns in einer großen Ausstellung der Spur seiner wiederkehrenden Motive über Jahrzehnte zu folgen und seinen Figuren- und Themenkosmos auszuleuchten? Wie gesagt: John wurde am 20. Januar 1933 geboren.

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