Festspiele MV : „Verstehe nichts von unserer Zeit“

Götz Alsmann scheint mit seiner Tolle nicht in unsere Zeit zu passen – und er kritisiert sie auch heftig.
Götz Alsmann scheint mit seiner Tolle nicht in unsere Zeit zu passen – und er kritisiert sie auch heftig.

Der Entertainer Götz Alsmann kommt mit seiner Song-Revue „Es grünt so grün“ zu drei Konzerten in den Norden

svz.de von
15. Juli 2014, 11:53 Uhr

Die alles andere als dezente Hintergrund-Musik in der Hotel-Lounge findet der Entertainer Götz Alsmann keineswegs angenehm. Schrecklich sei diese „fremdbestimmte Dauer-Beschallung“. „Dieser ganze Mainstream-Rock-Faschismus macht mich krank!“ Wer dieses Format-Radio erfunden habe, gehöre „gevierteilt!“ Da bricht der aufgestaute Frust zahlloser Tournee-Reise-Stunden vor dem Autoradio durch.

Wie auf der Bühne und im Fernsehen ficht der Mann aus der Grimme-Preis-gekrönten WDR-Show „Zimmer frei!“, in der Alsmann seit 18 Jahren mit der Moderatorin Christine Westermann in einer Mischung aus Kindergeburtstag für Erwachsene, Kabarett und Nonsens-Palaver Prominente auf ihre WG-Tauglichkeit testet.

„Ich liebe Radio – jedenfalls das von sachkundigen Moderatoren zusammengestellte Musikradio vergangener Zeiten: Das war einmal ein sehr wichtiger Teil der Alltagskultur.“ Und wer sich dies in Zeiten der Neuen Medien nicht mehr vorzustellen vermag, dem erzählt der promovierte Musikwissenschaftler und Germanist gern aus vergangenen Tagen, als der junge Dr. Alsmann sich im WDR als Gastgeber der „Prof. Bop Show“ um das musikalische Wohlbefinden der vom Plastikpop malträtierten Bevölkerung kümmern durfte.

Ja, die Vergangenheit: Alsmann ist in jeder Hinsicht ein Mensch vergangener Tage. Mag er seine Schwärmereien aus Schultagen für den Maoismus oder Ernst Thälmann auch längst hinter sich gelassen haben – was ihm zu Bundeswehrzeiten einen Hausbesuch des Militärischen Abschirmdienstes bescherte ob seiner Reise als 17-Jähriger in die Sowjetunion: Bis heute schätzt der eingefleischte Münsteraner und Sylt-Urlauber den Stummfilm und das Kino der 40er- und 50er-Jahre ebenso wie die Schlager aus den Tiefen deutscher Musikhistorie.

Selbst wenn letztere ihm in Jugendtagen keineswegs zum Vorteil gereichten: In der Tanzschule jedenfalls, gibt der spätere Krawattenmann und Brillenträger des Jahres kokettierend zu, seien die Mädels bei der Damenwahl immer genau an ihm vorbeigerannt…

Nun, dafür hat es der Jazzpianist und Showmaster mit seinen musikalischen Vorlieben (nicht zuletzt für die Ukulele!) mittlerweile sogar zum Honorarprofessor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gebracht, wo der Entertainer einst über „Nichts als Krach. Die unabhängigen Schallplattenfirmen und die Entwicklung der amerikanischen populären Musik 1943-1963“ promovierte. Seit zwei Jahren widmet er sich in Gastvorlesungen dem Schlager und dem Jazz – zuletzt dem „Western Swing“ in den USA in den Jahren von 1935 bis 1950.

Denn bei aller Neigung zur geschliffenen Ironie und Fähigkeit der gnadenlosen Übertreibung: Der „Klavierspieler des Jahres 2007“ liebt die Musik, der sich der mehrfache „Jazz Award“- und „Echo Jazz“-Preisträger mit seiner Band auf der Bühne hingibt.

Natürlich seien diese Titel ein Stück „Realitätsflucht“, aber das sei Musik immer – und so manches aus jener Zeit gefalle ihm einfach sehr viel besser, ob es sich nun um Mode, Autos oder auch Umgangsformen handle. Und einmal im Abrechnungs-Schwung mit der Gegenwart, schlägt Alsmann auch gleich noch den Bogen zum Kino und macht aus seiner Abneigung gegenüber zahlreichen Produktionen unserer Tage keinen Hehl.

„Nehmen Sie den amerikanischen Film: Früher hat dieser eine interessante Mischung aus Lässigkeit und Vornehmheit vermittelt, es wurden noch Ideale propagiert – heute fühle ich mich abgestoßen von dem dort gezeigten modernen Leben, dem geklonten Look der Schauspieler und dieser extremen Aggressivität.“ Da ihn auch das deutsche Politkabarett der letzten Jahrzehnte abstößt – ebenso wie der viele „Comedy-Schrott“ – wühlt dieses Universaltalent lieber in den Archiven. Oder hört mal wieder in einige seiner 10 000 Platten und CDs hinein.

Eine Quelle, die nicht versiegt wie sein aktuelles Programm „Es grünt so grün“beweist, das ihn nun im Rahmen der Festspiele MV auch in den Norden führt, und für das er neben einem Parforce-Ritt durch die Ohrwürmer des Musicals „My Fair Lady“ einmal mehr in sein Archiv der Unterhaltungsmusik getaucht ist.

„Da gibt es Tausende von 1a-Stücken“, schwärmt der 56-Jährige. „Damals funktionierte die hauseigene Qualitätskontrolle noch, musste ein Lied erst einmal gut klingen. Heute tritt die eigentliche Komposition immer mehr in den Hintergrund, stattdessen geht es um Effekte.“ Nicht indes in den ausgewählten Fundstücken, ist doch vielen dieser Musiken eine Jazz-Seele eigen, die hier nun auf die swingende Nostalgie des Alsmann-Ensembles trifft.

Ein exotischer Klang – so wie der Mann mit der Hornbrille und der Tolle ein Exot im Musikgenre ist. Der damit kokettiert, „keine Botschaften mitzuteilen“ und der Welt nichts sagen will – „außer dem, was ich ihr sage“. Der behauptet, kein Teil des Musikgeschäfts zu sein und noch nach dem ersten Charts-Erfolg eines seiner Alben ungläubig konstatierte: „Es kann sich nur um einen Irrtum gehandelt haben – ich weiß auch nicht, was da schief gelaufen ist“ – und sich doch dann mit eben diesem „In Paris“-Album über ein Jahr lang in den Jazzcharts hielt. Obgleich er darauf besteht, bei seiner Musik handele es sich um Schlager: Jazz-Schlager. „Schlager ist für mich irgendeine Art Musik mit deutschem Text.“ Auch wenn Schlager heute von einer „Generation frustrierter, ehemaliger Beat-Musiker mit einem oft sehr beschränkten musikalischen Ausdrucksfeld“ gemacht würden: „Die Welt des Schlagers nur noch an diesen bemitleidenswerten Exemplaren zu beurteilen, wird ihr nicht gerecht.“ Fragt sich nur, ob unsere Zeit einem Schlager-Musiker wie diesem musikalischen Tausendsassa gerecht werden kann. Alsmann zieht seine Augenbrauen hoch und grinst. „Keine Ahnung – ich verstehe nichts von unserer Zeit.“







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