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Premiere in Schwerin : Variationen über die „Zauberflöte“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kapellmeister Gregor Rot und Regisseur David Freeman bringen Mozarts Meisterwerk in Schwerin auf die Bühne

„Dies Bildnis ist bezaubernd schön“. Taminos Tenor-Arie hat wohl mancher schon gehört, der ein Opernhaus noch nicht von innen gesehen hat. Mozarts „Zauberflöte“, die wundersame Geschichte um die Entführung der Nachtköniginnentochter Pamina durch Sarastro, der ein weiser Mann ist, ihre Befreiung durch Liebe, sie gehört zu den meistgespielten Werken des Salzburger Meisters. In Schwerin steht sie jetzt morgen zum dritten Male in den vergangenen 10 Jahren vor der Premiere. Der Wiener Gregor Rot hat die musikalische Leitung, der Australier David Freeman inszeniert. Manfred Zelt sprach mit beiden mitten in den Proben.

Bei Antonio Salieri, dem Zeitgenossen Mozarts, heißt eine Oper „Prima la musica, poi le parole“. Die Formel von 1786 scheint aktuell als Frage, weil Opern nicht mehr an der Rampe gesungen, sondern die Libretti nach der Lesart von Regisseuren in Szene gesetzt werden. Immer noch: Erst die Musik, danach der Text? Oder umgekehrt? Herr Rot, was denkt der Kapellmeister?

Rot: Es geht nicht um den Vorrang der Musik vor dem Text, es muss miteinander gehen. Mal wird eine Situation mehr musikalisch erzählt, mal mehr mit szenischen Mitteln.
Freeman: Es muss eine Balance geben zwischen Musik und Text, keinen Wettbewerb zwischen beiden. Zuerst Musik, das hat Salieri gedacht, ich glaube, Mozart nicht. Prima la musica stammt aus einer Zeit uniformen Denkens, wir leben in der Vielfältigkeit, das ermöglicht Variationen. Die „Zauberflöte“ stammt nicht nur vom berühmten Komponisten, sondern auch vom Liberettisten Schikaneder, und der war ein sehr versierter Theatermann.

Diese Oper ist populär, dennoch ein enorm schwieriges Werk. Das beginnt beim Libretto, in dem Elemente aus dem Alt-Wiener Zaubertheater, dem naiven Singspiel und der feierlichen Strenge der Freimaurer gemischt sind. Wo, Herr Freeman, setzen Sie Ihre Akzente?

Freeman: Ich versuche, alle Ebenen zu betonen, sowohl den Humor wie die symbolische Seite, das Märchen wie die Weisheit. Wenn es nur lustig daher kommt, bleibt es trivial, wenn es nur ernsthaft ist, ist es nicht ausgeschöpft. Die Komposition hat viele Schichten. Es ist, als ob Papageno, Tamino, Sarastro und vielleicht sogar der Sprecher verschiedene Seiten einer Figur sind. Und ebenso Papagena, Pamina und die Königin der Nacht, jede Frau muss etwas von jeder haben.

An welchem Ort, in welcher Zeit spielt Ihre „Zauberflöte?

Freeman: Es ist ein bisschen orientalisch. Aber es ist eine Geschichte, die an jedem Tag spielt.

Ein bisschen orientalisch – und der Rest?

Freeman lachend: Der Rest ist dunkel.

Aber nicht Schweigen, bitte! „Da ist ein Rest, der Rast zum Klären braucht“, heißt es bei Barlach.

Freeman: Ja, der Rest – Papageno ist eine Figur von heute, ich habe dem Sänger gesagt, du musst über Fußball Bescheid wissen. Und Tamino muss auch nicht nur ein Poet sein.

Herr Rot, auch musikalisch gibt es sehr unterschiedliche Formen. Da steht schlichtes Volkslied neben virtuoser Koloratur, da gibt es komische Duette, Lyrisches und sogar Choral und Fuge. Was fordert das vom Kapellmeister?

Rot: Mozart bleibt dirigentisch vielleicht das Schwerste. Jede Note muss perfekt sitzen. Das Werk ist so durchsichtig komponiert, dass man jede Abirrung sofort hört – und zwar nicht nur der Musiker, sondern jeder. Weil Mozart nach den universalen Gesetzen komponierte, die der Astronom Johannes Kepler als Weltharmonik beschrieben hat. Das fasziniert uns, weil wir uns in einer komplizierten Welt heute stark nach Harmonie sehnen. Das Schwierige ist: Was ich musikalisch gefunden habe in der Probe, darf ich nicht festhalten, ich muss es loslassen und darauf vertrauen, dass es wieder gefunden werden kann. Sonst lebt die Musik nicht.

Es ist zeitgemäß, schnell zu spielen, wie halten Sie es mit den Tempi?

Rot: Den brauche ich nicht zu suchen, den habe ich vor mir im Orchester, das ist mein Originalklang. Die historische Aufführungspraxis hat viel geleistet, wir wissen dennoch nicht genau, wie zu Mozarts Zeiten gespielt wurde. Weil die Musiker damals ein anderes Tempogefühl hatten als wir, ich muss mit dem gegenwärtigen rechnen. Ich muss versuchen zu erreichen, dass der Zuhörer das Erlebnis von Mozarts Musik hat, alles andere ist zweitrangig.

Ist die „Zauberflöte“ eine Oper nicht nur für den Kreis der Opernkenner?

Rot: Sie ist eine Oper, bei der es sehr auf das Spiel ankommt, nicht aufs Nachdenken darüber. Die Erwartungen an dieses Werk sind beim Publikum wie bei den Ausführenden sicher unterschiedlich, aber es geht immer ums Erleben, auch für den, der naiv zuschaut.
Freeman: „Die Zauberflöte“ ist eines der wenigen Werke, die ein achtjähriges Kind wie auch Achtzigjährige faszinieren. Sie ist ein Wunder, das vom Zaubertheater herkommt und auch ein bisschen von Shakespeares „Sturm“, Sarastro ist Prospero, Pamina der Miranda verwandt.

Also ist die „Zauberflöte“ Welttheater?

Freeman zögert, Rot fällt ein: Sie ist Menschentheater.
 

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