Sommerausstellung : „…und die beiden ziehen miteinander los“

Jan Wiegers, Kirchner im Atelier, 1925, Wachs/Öl auf Leinwand
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Jan Wiegers, Kirchner im Atelier, 1925, Wachs/Öl auf Leinwand

Das Staatliche Museum Schwerin wagt eine „Expressionistische Begegnung“ mit Ernst Ludwig Kirchner und Jan Wiegers

svz.de von
05. Juli 2014, 16:00 Uhr

Der deutsche Norden ist in diesem Sommer Kirchner-Land. Wer mehr von dem bedeutendsten deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner erfahren möchte, sollte ins Hamburger Bucerius Kunst Forum gehen. Dort wird die Ausstellung „Kirchner. Das expressionistische Experiment“ gezeigt.

Oder man macht sich auf zum Alten Garten nach Schwerin, wo das Staatliche Museum ab heute eine „Expressionistische Begegnung“ wagt und die Künstlerfreundschaft zwischen dem großen Ernst Ludwig Kirchner und dem hierzulande unbekannten holländischen Künstler Jan Wiegers beleuchtet.

Mit etwa 100 Zeichnungen, Grafiken und Gemälden haben die beiden Kuratoren Dirk Blübaum und Adina Christine Rösch eine Ausstellung komponiert, deren Schauwert für Schweriner und Touristen ebenso groß sein dürfte wie der kunstwissenschaftliche Zugriff für Eingeweihte.

Dass neben den Arbeiten des großen Kirchners aus dem fernen Saarlandmuseum, die man auch nicht jeden Tag zu sehen bekommt, mit Jan Wiegers (Wiechers gesprochen) ein interessanter Holländer zu entdecken ist, wird im Staatlichen Museum, der Heimat der alten niederländischen Meister, niemanden überraschen. So trifft sich nahezu harmonisch ein Vertreter der Moderne mit seinen Landsleuten aus dem 17. Jahrhundert.

Über Ernst Ludwig Kirchner müssen wir nicht viele Worte verlieren. Der Mitbegründer der legendären Dresdner Künstlergruppe „Brücke“ war Wegbereiter des deutschen Expressionismus. Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Wassily Kandinsky oder Franz Marc sind weitere wichtige Künstler aus diesem Umfeld, die die Weltkunst revolutionieren sollten und später von den Nazis mit dem Stempel „entartet“ diffamiert wurden.

1918 zog Kirchner nach Davos, wo er sich in der Schweizer Bergwelt eine Gesundung seiner „gequälten Nervosität“ versprach, die ihn teilweise lähmte.

1920 kam auch Jan Wiegers nach Davos, um ein Lungenleiden zu kurieren. Dort begann die Männer- und Künstlerfreundschaft  zwischen dem 13 Jahre älteren, äußerst exzentrischen Kirchner und dem noch in der traditionellen, realistischen Haager Schule ausgebildeten Wiegers. Übrigens eine Richtung, die auch den Mecklenburger Maler Carl Malchin beeinflusst hat.

Wiegers muss dem Älteren sofort sympathisch gewesen sein. „In der Bergeinsamkeit hatte Kirchner endlich jemanden gefunden, der ihn nicht – wie gelegentliche Schüler – künstlerisch auszusaugen versuchte“, so Kuratorin Rösch. „Er hatte seine Sympathie ganz dem holländischen Maler geschenkt und beide zogen miteinander los“, schrieb die Frau seines Arztes in einem Brief. Kirchner selbst pries Wiegers als „einen netten empfindlichen Menschen mit großem künstlerischen Feingefühl“.

Für Wiegers muss die Begegnung mit Kirchner eine Offenbarung gewesen sein, so Museumsdirektor Dirk Blübaum. Der wie Wiegers Pfeife rauchende Kirchner skizzierte, malte und fotografierte immer und überall und bis zur Raserei. Landschaft, Tier und Mensch versuchte er in ihren archaischen, wahrhaftigen Wesen zu erfassen.

So wollte der Holländer malen. Auch wenn es ihm, wie die Schweriner Ausstellung zeigt, anfangs nicht leicht fiel, seine klassisch-realistische Ausbildung abzustreifen.

Nach Wiegers erster Davos-Reise folgten weitere, auch von seinen Groninger Künstlerfreunden mitfinanzierte Kurreisen. Wie viele der erstmals in Deutschland gezeigten Arbeiten unschwer verdeutlichen, hatte Wiegers in den Bergen die expressionistische Sicht auf die Welt zu seiner eigenen gemacht. Von Kirchner offensichtlich beeinflusst und doch mit eigenen Akzenten.

Auch wenn wohl Wiegers selten die Meisterschaft seines älteren Freundes erreichte, ist es ein Vergnügen, Gemeinsamkeiten im Werk beider zu entdecken: Motive, Umarmungen, kleinste Handbewegungen und Perspektiven. Die Zeit und den Spaß dafür sollte man sich in der großen Schweriner Sommerausstellung gönnen.

Am offensichtlichsten wird das gemeinsame Arbeiten, das nicht nur eine Einbahnstraße gewesen sein muss, an den beiden großen Wintergemälden, 1924 entstand das von Kirchner, 1926 das von Wiegers.

Wie eng die Freundschaft der beiden war, zeigen auch zwei weitere zentrale Gemälde der Ausstellung gleich im ersten Saal: zwei in einem Atelier gemalte Duellporträts. Beide sitzen an der Staffelei, Kirchner malt Wiegers, und Wiegers malt Kirchner.

Auch Beispiele holländischen Schalks, der Wiegers zweifellos gegeben war, sind zu entdecken. So deutet er auf seinem Kirchner-Porträt im Hintergrund ein Liebespaar an – wohl eine Anspielung auf ein amouröses Abenteuer eines seiner Groninger Künstlerkollegen. Für die wiederum er, nach seiner Rückkehr aus der Schweiz, zum Vorbild für einen neuartigen Groninger Expressionismus wurde.

Seltsamerweise sah sich Ernst Ludwig Kirchner zeit seines Lebens, das er 1938 mit einer Pistole beendete, nie als Expressionist. In einer Davoser Zeitung schrieb er: „Er (Wiegers – d.Red.) sowohl ich haben in unserer Arbeit nichts mit der Kunst des sogenannten ,Expressionismus‘ gemein.“ Auch geniale Künstler können irren.

Öffnungszeiten:

Expressionistische Begegnung – Ernst-Ludwig Kirchner, Jan Wiegers

Staatliches Museum Schwerin, Alter Garten 3

Internet: www.museum-schwerin.de

5. Juli bis 28. September 2014

Di - So 10-18 Uhr,

Do Rendezvous 18 - 20 Uhr

Anmeldungen zu Führungen:

Tel. 0385-5958-121 oder -237

Zur Ausstellung erscheint ein handlicher Katalog, 17 Euro.

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