Kultur MV : Uecker kommt nach Hause

Günther Uecker beim Aufbau seiner Ausstellung im oberen Saal des Neubaus in Schwerin zusammen mit Kurator Gerhard Graulich (l.)
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Günther Uecker beim Aufbau seiner Ausstellung im oberen Saal des Neubaus in Schwerin zusammen mit Kurator Gerhard Graulich (l.)

Mecklenburgs wohl bekanntester Künstler der Moderne schafft in Schwerin ein spektakuläres Werk.

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28. Juni 2016, 05:00 Uhr

Dass Günther Uekcer überhaupt seine übergroßen Arbeiten in Schwerin zeigen kann, das hat etwas mit dem neuen Museum der Moderne zu tun. Heute wird der Direktor des Staatlichen Museums, Dirk Blübaum, den Neubau erstmals in der Öffentlichkeit präsentieren. Dass der Uecker-Bau  im Herzen der Stadt in so kurzer Zeit innerhalb von zwei Jahren von der Idee bis zur Einweihung  entstehen konnte, das hat auch etwas mit unserer Zeitung und ihren Lesern zu tun. Aber der Reihe nach. Drei Geschichten zum Museum – notiert von Max-Stefan Koslik.

Der Bau

Der Kunstraum im neuen Museum ist imposant: 33 Meter lang, 13 Meter breit, fünf Meter hoch im oberen Saal, der vom historischen  Museumsbau über einem Glasgang zu erreichen ist. Vier Meter hoch im unteren Saal. Größe, die beeindruckt. Eine Stirnseite ist  komplett verglast und gibt den Blick auf eine uralte Platane frei. Sie hat das Baugeschehen im Innenhof des Staatlichen Museums überlebt. Dahinter ist der  Schweriner See zu sehen – und  das Schloss. „Von Beginn an war die Idee, dass man eine Beziehung nach draußen hat, das Schloss sieht und das Wasser“,  erzählt Stefan Wenzl, Abteilungsleiter für den Staatshochbau  im Finanzministerium und  Bauherr.

Die  glatten Betonwände rundum  warten auf Bilder von Künstlern der Moderne. Installationen  und Readymades von Marcel Duchamp bis Günther Uecker  sollen im Raum ausreichend Platz finden.

„Im Mai 2014 haben wir das erste Mal von dem Projekt gehört“,  erzählt Wenzl. Ende September 2014 war Baustart auf dem schmalen Streifen zwischen Schwerins Werderstraße und Ekhofplatz am Staatstheater. 25 Meter hohe Betonpfähle wurden durch das Grundwasser in den moorigen Untergrund getrieben, um dem Gebäude Halt zu geben – 140 Stück. Genau wie  vor 150 Jahren beim Schloss, beim   Willebrand-Bau  des Staatlichen Museums und dem Staatstheater. Auf  die Säulen ließ die Berliner Architekten-Gemeinschaft Scheidt, Kasprusch und Becker eine 1,5 Meter mächtige Betonplatte gießen. Auf dieser wiederum  liegt ein im Baugeschehen als Weiße Wanne bezeichnete Stahlbetonkonstruktion, die jegliches Grundwasser abhalten soll. Das Untergeschoss  befindet sich beachtliche  vier Meter unter dem angrenzenden Seeniveau. So überragt  das Gebäude keines der Nachbarbauten. „Unsere Idee war, zwischen den Stadtvillen an der Werderstraße und dem Dreiflügelbau des Museums  zu vermitteln“, berichtet Stefan Wenzl. 

Ideen gab es viele. Auch ein Kubus im Innenhof des Museums war im Gespräch. Aber auch die Icomos-Gruppe Deutschland, das Beratungsgremium für das Welterbekomitee, die Denkmalpflege und die Stadtverwaltung redeten ein Wörtlein mit. Das  Staatliche Museum gehört schließlich zum Kerngebiet des Residenzensembles, mit dem  Schwerin auf  die Weltkulturerbeliste der  Unesco kommen will.

Entstanden ist ein zurückhaltender Bau, der mit seiner gestockten und geschliffenen Fassade die Farbigkeit des mineralischen Rauputzes des Altbaus  aufnimmt und spiegelt.  8,3 Millionen hat der Bau gekostet, 90 Prozent werden von Brüssel gefördert. Die Kosten blieben mehr als im Rahmen. Stefan Wenzl plant als nächstes einen gepflasterten  Innenhof für Skulpturen, durch den man von der Werderstraße zum Theater wandeln kann, und die Restaurierung der Fassade des alten Museums.

Historie:

  • 5. Juni 2014: Startschuss der Gemeinschaftsaktion des Fördervereins  „Uecker in Schwerin: Neubau“, des Landes  und unserer Zeitung
  • 6. Juni 2014: Sonderdruck unserer Zeitung  zum Start der Unterstützeraktion für das Museum der  Moderne mit der Präsentation des Großen Prägedrucks, den Uecker für den Neubau schuf
  • 30. September 2014: Erster Spatenstich im Museumshof
  • 29. Oktober 2014: Erste Verlosung eines Uecker-Prägedruckes im medienhaus:nord
  • 24. März 2015: Die erste Million befindet sich  auf dem Vereinskonto
  • 3. März 2016: Mit weiteren Spenden und  dem Verkauf von 100 Uecker-Prägedrucken durch den  Verein „Uecker in Schwerin“ befinden sich jetzt  1,26 Millionen Euro auf dem Vereinskonto.
Das Museumskonzept

Der Höhepunkt in der Ausstellung zur Eröffnungsfeier des  Museums  am Donnerstag und  dem Sommerfest für alle Bürger am Freitag wird die von Günther Uecker eigens für Schwerin angefertigte Serie neuer „Wustrower Tücher“, die  im Obergeschoss des Neubaus gezeigt wird. Der berühmte Nageltisch wird zu sehen sein, der schon 1993  in Schwerin für Aufsehen sorgte.  Der  „Weiße Schrei“ des Nagel-Künstlers aus dem  Jahr 1991 fehlt ebenso wenig wie die monumentale „Sandspirale“, die die Freunde des Staatlichen Museums Schwerin e.V. mit Unterstützung der  Kulturstiftung des Bundes für das neue Museum erworben haben. Aber dazu später. 13 Uecker-Werke hatte das Staatliche Museum für 1,45 Millionen Euro schon 2013 mit Unterstützung der Sparkassenstiftung erworben. Sie  zeigen zu können, war ein Antrieb, den Neubau  nach Jahrzehnten Debatte  nun hinzustellen. 

Der Bau verändert alles. Dem Museum der Alten Meister, das bislang vor allem Niederländer zeigte, eröffnen sich neue Perspektiven für die Präsentation der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Auf 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche findet  dauerhaft die Moderne ihren Platz. Schon bei der Eröffnung zeigen Museumsdirektor Dirk Blübaum sowie Kurator  Gerhard Graulich, was der Fundus hergibt. 

Schon die ehemalige Museumsdirektorin Kornelia von Berswordt-Wallrabe holte mit dem Ankauf von 90 Werken  des  Enfant terrible der Kunst, Marcel Duchamp, eine der bedeutendsten Duchamp-Sammlungen weltweit in die mecklenburgische Landeshauptstadt. Hinzu kommen Lovis Corinth, Lyonel Feininger, Nam June Paik, Bernhard Heisig , Sigmar Polke... „Es lagern große Bestände von Kunst nach 1949 in unseren Depots. Eine Dauerausstellung der Moderne im Neubau macht das Museum noch attraktiver“, sagt Museumsdirektor Dirk Blübaum. Zu sehen sein wird auch  Wolfgang Mattheuers „Schwebendes Liebespaar“, das in keinem DDR-Schulbuch für den Kunstunterricht fehlen durfte.  „Diese Veränderung  ist die größte Veränderung im Staatlichen Museum seit 100 Jahren“, ist Dirk  Blübaum überzeugt.

„Der Charakter des Hauses wird sich ändern. Sein  Habitus wird sich auf die Zukunft ausrichten.“ Blübaum hält  für die Eröffnung  noch Überraschungen bereit: Installationen, Videos, Objekte von u. a. Ulrike Rosenbach, Aernout Mik und Jörg Herold. Seine  mit Wasser gefüllte Skulptur „Mahnmal für einen Matrosen“ wird im Untergeschoss zu sehen sein. Sie erinnert  an die  Ende  des Zweiten Weltkriegs versenkten Flüchtlingsschiffe. Ein sehr aktueller Stoff.

Uecker in Schwerin

20 Jahre hatten Protagonisten wie die ehemalige Museumsdirektorin Kornelia von Berswordt-Wallrabe dafür gekämpft, zusätzliche Ausstellungsfläche zu bekommen. 20 Jahre war dafür kein Geld im Staatssäckel. Wenn am  Freitag  der Neubau  für alle Bürger öffnet, dann kehrt auch Uecker in seine Heimat zurück. Mit den „Wustrower Tüchern“ im Obergeschoss des Neubaus nimmt der  1930 in Wendorf bei Schwerin geborene Künstler  Bezug auf seine Erlebnisse am Ende des Krieges  auf der Halbinsel Wustrow vor Rerik: Sowjetische Soldaten zwangen ihn, Leichen vom Untergang der Cap Arkona, die an den Wustrower Strand gespült wurden, zu verscharren. Es waren  4600 KZ-Häftlinge  und 500 Soldaten an Bord.  Uecker suchte die Halbinsel immer wieder auf, um an den Stellen, an denen er 1945 Leichen vergraben hatte, Tücher auf den Sand zu legen und großformatige  Bilder zu schaffen.

Aber Uecker verbindet mehr mit dem Museum der Moderne: Seine Nagelreliefs sind von norddeutschen  Kornfeldern inspiriert. In New York und Paris werden sie gezeigt. Aber immer wieder zieht es den Avantgardisten zurück. „Das Ziel der Sehnsucht ist die  Heimkehr“, sagt er. Als der Neubau 2014 gesprächsreif wurde, besuchte unsere Zeitung   auf Initiative  der Vorsitzenden des  Vereins „Uecker in Schwerin“, Kornelia von Berswordt-Wallrabe,  und von Kultusminister Mathias Brodkorb den Künstler in seiner Wahlheimat in Düsseldorf.  Schnell fanden wir einen  Unterstützer. Für den Neubau trieb der Künstler Nägel in den Druckstock. In der Schweiz entstanden unter seiner Anleitung in kleiner Auflage 100 Prägedrucke für den Museumsbau. Diese begehrten Originale wurden vom Verein verkauft und unserer Zeitung  verlost.

Leser spendeten großzügig.  Rund 1,3 Millionen Euro kamen durch vielfältige Aktionen zusammen. Kornelia von Berswordt-Wallrabe versprach, mit dem Geld „einen drauf zu setzen“, für das Gebäude eine Glasüberdachung des Innenhofes mit zu ermöglichen. Noch reicht es nicht aus für den Zweck, auch wenn sich weitere Großsponsoren angekündigt haben. Aber eine Machbarkeitsstudie liegt vor. „Wir machen weiter“, sagt sie und findet viele Unterstützer, wie u.a. die Oberbürgermeisterin, Angelika Gramkow, oder dem  Präsidenten der Architektenkammer MV, Joachim Brenncke. 

>> Alles rund um Günther Uecker lesen Sie in unserem Dossier

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