Interview mit Peter Dehler : „Theater ist kein Museum“

Schauspieldirektor Peter Dehler bringt in Schwerin den Vorwenderoman „Der Turm“ auf die Bühne.
Schauspieldirektor Peter Dehler bringt in Schwerin den Vorwenderoman „Der Turm“ auf die Bühne.

Der Schweriner Schauspieldirektor Peter Dehler über seine Inszenierung der Bühnenfassung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“

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05. März 2015, 11:55 Uhr

Das Schauspiel „Der Turm“ nach dem mehrfach preisgekrönten Roman von Uwe Tellkamp hat am Freitag im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin Premiere. Schauspieldirektor Peter Dehler inszeniert den Vorwenderoman in einer Bühnenfassung von John von Düffel und taucht mit seinem Ensemble 25 Jahre nach der Wiedervereinigung in die Geschichte am Ende der DDR ein.
Uwe Tellkamp erzählt in seinem 2008 erschienenen Roman auf knapp 1000 Seiten mit autobiographischen Zügen aus dem Leben Dresdener Bildungsbürger. Holger Kankel sprach mit Peter Dehler.

Warum diese Welle von Romanadaptionen für die Bühne, von „Tschick“ an fast jedem deutschen Theater bis „Der Turm“. Gibt es so wenig gute Gegenwartsdramatik?
Es gibt eine Menge Gegenwartsdramatik, die ich als undramatisch empfinde. Der Trend geht zu Prosatexten, und es gibt wenig Gegenwartsdramatik, die wir unserem Publikum anbieten können. Klar, setzten wir bei Erfolgsromanen auch darauf, dass sie bekannt sind. Allerdings stelle ich oft fest, dass viele zwar vorgeben, die Romane zu kennen, sie aber nie gelesen haben.
Der Roman „Der Turm“ umfasst beinahe 1000 Seiten und Hunderte Figuren. Wie kann man dem auf der Bühne gerecht werden?
Es gibt ja zwei Bühnenfassungen. Wir haben uns für die von John von Düffel entschieden, der sich auf die Geschichte des Heranwachsenden Christian Hoffmann, dem Arztsohn, konzentriert. Insofern ist der Focus gesetzt, an den ich mich halte.
Der Roman hat viele Handlungsstränge, worauf haben Sie sich konzentriert?
Ich konzentriere mich auf das Familiendrama. Auf die Familienmitglieder und deren Schicksale. Zum Beispiel der Mann, der seine Frau betrügt und mit der anderen ein Kind hat – dieses Doppelleben ist schlimm, aber spannend zugleich.
In München hat gerade ein Gericht Frank Castorfs „Baal“-Inszenierung verboten. Ist das nicht auch eine Art Zensur? Halten Sie sich denn an die Bühnenfassung von John von Düffel?
Ich halte mich deutlich mehr an die Bühnenfassung als Frank Castorf sich an Brechts Text hält. Im Fall von „Baal“ halte ich ein Verbot für unangemessen. Castorf ist ein Weltkünstler, von dem man weiß, dass er nicht das inszeniert, was im Text steht. Theater ist kein Museum, sondern muss sich entwickeln dürfen.
Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit an einer Geschichte der jüngeren Vergangenheit von der Arbeit an einem Klassiker?
In der jüngeren Vergangenheit kenne ich mich natürlich sehr gut aus. Aber die persönlichen Erfahrungen machen es nicht unbedingt einfacher. Dinge, die in dem Roman eine wichtige Rolle spielen, waren in meinem Leben nicht relevant, wie z.B. die Staatssicherheit. In allen Geschichten über die DDR spielt die Stasi eine Rolle, aber ich wage zu behaupten, dass sie für viele auch gar keine Rolle spielte.
Was hat Sie während der Probenarbeit überrascht?
Ich war erstaunt, dass insbesondere die jungen, etwa 25-Jährigen, ein eher oberflächliches Geschichtswissen haben. Wenn ich versuche, die DDR-Zeit zu erklären, komme ich mir ein bisschen vor wie „Opa erzählt vom Krieg“.
Musik spielt im Roman eine besondere Rolle. Setzen Sie das auch auf der Bühne um?
Der Arztsohn Christian Hoffmann, der von Arne Gottschling gespielt wird und im Mittelpunkt der Geschichte steht, spielt Cello. Deswegen ist diese Musik, die John Carlson eigens für die Schweriner Inszenierung komponiert hat, zentrales Element im Stück.
Herr Dehler, in der Theaterkantine ging das Gerücht, Sie wären gern Nachfolger von Intendant Joachim Kümmritz geworden?
Das ist falsch. Ich habe mich nicht für diese Position beworben.
Bald nun ist Weihnachtszeit. Sie werden wieder das Weihnachtsmärchen in eigener Bearbeitung inszenieren. Wann beginnen Sie mit dem Schreiben?
Ich fange tatsächlich, wie immer, schon im Sommer damit an.

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