zur Navigation springen

Regionale Krimis erfreuen sich wachsender Beliebtheit : Tatort Ostseeküste

vom

Die Bankfiliale im Dorf wird überfallen, im beliebten Kurpark fallen Schüsse, am Strand wird ein Toter angeschwemmt: Der Fall, der in der eigenen Umgebung passiert, ist von ganz besonderem Reiz für die Krimi-Leser.

svz.de von
erstellt am 26.Jul.2011 | 04:46 Uhr

Rostock | Die Bankfiliale im Dorf wird überfallen, im beliebten Kurpark fallen Schüsse, am Strand wird ein Toter angeschwemmt: Der Kriminalfall, der in der eigenen Umgebung passiert, ist von ganz besonderem Reiz für die Krimi-Leser. Regionale Krimis erfreuen sich wachsender Beliebtheit, ein Trend, der bundesweit seit den 90er-Jahren zu verzeichnen ist.

Nun hat er auch die Ostseeküste erreicht. Immer neue Autoren entdecken die zauberhaften Inseln, die Gassen der alten Hansestädte, die beschaulichen Dörfer als ideale Orte, um Schauplatz für ein erdachtes Verbrechen zu werden. In den Zeiten der Globalisierung sehen viele Menschen ihre unmittelbare Heimat neu. Geschichten, die sowohl von der Handlung als auch von der Eigenart der Leute regional Typisches aufzeigen, haben eine faszinierende Wirkung.

Heimatbezogene Krimis werden gern gekauft wegen des Wiedererkennungseffektes. Leser verbinden die Geschichte mit konkreten Vorstellungen von dem Ort und den Personen. Auffallend ist auch, dass im Mittelpunkt immer ein Ermittler steht, der in die Kategorie des klassischen Detektivs fällt. Entweder ist es ein besonders engagierter Polizist oder ein neugieriger Amateur.

In die Dialoge fließen oft die ortsüblichen Floskeln ein, einige Romanpersonen sprechen die regionale Mundart. Manch Kritiker nannte diese Krimis deshalb ein wenig spöttisch eine Fortsetzung der Heimatliteratur mit anderen Mitteln. Und in der Tat gibt es natürlich literarische Unterschiede, nicht jeder Roman wird ein Bestseller.

Birgit C. Wolgarten stellte 2004 ihren ersten Rügen-Krimi "Und es wurde Nacht" vor. Die Autorin, die mit ihrer Familie in der Nähe von Köln lebt, ist Mitglied im "Syndikat", der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, und ein großer Fan von Rügen. 2005 erschien "Der Tod der Königskinder" (Prolibris Verlag, 11 Euro).

Heldin ist wieder die Kölner Kriminalkommissarin Katja Sommer, die bei ihrem zweiten Urlaub auf der Insel erneut auf ein grausames Verbrechen stößt. Unter einer dicken Eisschicht schwimmen zwei Leichen. Melanie und Darius sind ermordet worden. Man weiß, dass die Familien gegen die Liebe der jungen Leute waren.

Frau Sommer hat inzwischen Konkurrenz bekommen, 2009 schickte der Autor Klaus Scheld seinen Kommissar Kurt Bratfisch von der Kripo in Stralsund aus, einen politisch brisanten Fall zu klären. Die "Aktion Störtebeker" (Books on Demand, 13,90 Euro) soll mitten im Wahlkreis der deutschen Bundeskanzlerin starten. Kurz vor dem 27. September soll die neue Rügenbrücke in Schutt und Asche gelegt werden, wenn die Bundeswehr nicht aus Afghanistan abzieht, so lautet die anonyme Drohung. Für Kurt Bratfisch beginnt ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit. Stecken tatsächlich islamistische Gotteskrieger hinter der Drohung? Spuren weisen auch zu Neonazis und linken Untergrundkämpfern. Ein spannender Krimi mit vielen aktuellen Bezügen zu gegenwärtigen Problemen.

Klaus Scheld ist übrigens ein Pseudo-nym. Wolfgang Müller, 1955 in Hessen geboren, lebt seit über 20 Jahren als freier Journalist und Autor im Bergischen Land und auf Rügen. Nach diversen Zeitschriftenartikeln und Sachbüchern hat er seinen ersten Kriminalroman vorgelegt. Sein Pseudonym stammt von einem wenig bekannten Kampfgefährten Klaus Störtebekers.

Die Berliner Autorin Henrike Heiland fand in der Hafenstadt Rostock den Stoff für spannende Kriminalgeschichten. 2006 erschien "Späte Rache", es folgte "Zum Töten nah". Der jüngste Krimi "Blutsünde" (Kindle Edition, 6,49 Euro) führt auf die Insel Usedom. In dem Haus von Karl Rohde gibt es eine gewaltige Explosion. Zwei Menschen sterben, der alte Karl überlebt. Als dann in Rostock ein russischstämmiger Jude ertränkt aufgefunden wird, zieht Erik Kemper die Kriminalpsychologin Dr. Anne Wahlberg hinzu. Noch ahnen beide nicht, dass es für alle Morde nur ein Motiv gibt, dessen Wurzeln bis tief in das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte reichen.

Dass die sonnenreiche Insel Hiddensee auch ihre dunklen Seiten hat, machen Birgit Lautenbach und Johann Ebend zum Thema. Das Autorenpaar lebt seit fast dreißig Jahren mit Kindern, Hunden und Katzen in einem Fachwerkhaus zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel. Wann immer es ihnen möglich ist, reisen sie auf die Insel, um neue Energie zu tanken. Nach "Hühnergötter" und "Totenseelen" erschien nun der dritte Hiddensee-Roman "Engelstrompeten" (Goldmann, 7,95 Euro). Die alte Wanda - von den einen als Heilerin verehrt, von den anderen als "Spökenkiekerweib" verteufelt - wird an der Steilküste tot aufgefunden. Alles deutet auf einen tragischen Unfall hin, aber Polizeiobermeister Daniel Pieplow kann nicht glauben, dass ein Hiddenseer Urgewächs wie Wanda einfach zu nahe an die Kliffkante getreten sein soll.

Der Journalist und Soziologe Andre Bawar wählte die Hansestadt Wismar als Kulisse für finstere Verbrechen. Nach "Wismarbucht" und "Lachsblut" erschien jetzt "Poeler Pokale" (Emons, 9,90 Euro). Auf mysteriöse Weise sind sämtliche Fußballpokale des SC Ankerwinde Wismar verschwunden und der alte Platzwart liegt in den Scherben der Vereinsvitrine. Wieder wird gemunkelt, dass in einem Schweriner Cafe das WM-Finale von 2006 manipuliert worden sei. Bevor der Ball der Erkenntnis ins Rollen kommt, haben Oberkommissar Ole Hansen und seine neue attraktive Assistentin Inga schwere Stunden zu überstehen. Doch dann sitzen sie den Tätern dicht im Nacken.

Wie die aktuellen Statistiken des Buchhandels belegen, ist der Krimi gleich nach den klassischen belletristischen Romanen das zweitliebste Literaturgenre. Fast ein Viertel der jährlich auf dem deutschen Buchmarkt erscheinenden Bücher sind der Kriminalliteratur zuzuordnen. Die Masse der Thriller, Detektivgeschichten und Krimis kommt jedoch aus den USA und England, es folgen die skandinavischen Romane.

Nur ein kleiner Teil stammt von deutschen Autoren, die sich immer mehr dem Trend anschließen, ihre Lieblingsregion zum Tatort zu machen. "Trendsetter" war übrigens Jacques Berndorf mit seinen "Eifel-Krimis", die 1989 erstmals erschienen sind und bislang mehr als 2,35 Million-mal verkauft wurden. Seine Bücher werden von den Fans besonders wegen ihrer landschaftlichen Detailtreue gelobt und gelten in der Branche als Paradebeispiel für regional verankerte Krimis.

Den Namen einer bekannten Straße lesen, einen vertrauten Ort durch die Beschreibung identifizieren, die Eigenheiten der Leute entdecken, das sind die klassischen Elemente, die diese besondere Verbundenheit zwischen Leser und Regionalkrimi herstellen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen