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"Zu jung zu alt zu deutsch" im E-Werk Schwerin : Tanz um den Abgrund der deutschen Geschichte

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Was die Nazi-Vergangenheit heute noch mit uns macht: Hanna Müller inszeniert Dirk Lauckes "zu jung zu alt zu deutsch" im E-Werk des Schweriner Staatstheaters.

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erstellt am 12.Okt.2012 | 10:29 Uhr

Schwerin | Es beginnt wie ein Überfall. Als das Publikum im Schweriner E-Werk noch gar nicht mit dem Beginn von Hanna Müllers Inszenierung von Dirk Lauckes "zu jung zu alt zu deutsch" rechnet, platzt Schwerins schaupielerischer Spezialist für Durchgeknallte, Psychopathen und Provokateure mitten ins Parkett: Der charismatische Christoph Bornmüller ist Roy, frisch aus dem Knast entlassen, voll mit Stoff und Alkohol, auf Krawall gebürstet. Früher hieß er Micha, war linker Skinhead und ist Nazi-Jäger. Knapp 85 pausenlose Minuten später hat Roy den letzten Satz des Stückes, aus und Applaus.

"zu jung zu alt zu deutsch" ist wilder Tanz um die Abgründe, die eine Begegnung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit heute immer noch in den Nachgeborenen öffnen kann. Da es auf der Bühne dabei wild und vielschichtig zugeht, sei hier das Geschehen kurz skizziert: Micha/Roy will ordentlich einen draufmachen - und trifft auf einer Festivität seine Ex Lydia (Caroline Wybranietz in ihrem Schweriner Debüt) und deren neuen Freund Jens (Christoph Götz, ebenfalls das erste Mal am Staatstheater zu sehen). Das gibt natürlich Ärger, zumal Jens mit Deutschlandflaggen kein Problem hat, aber Roy immer noch hinter jedem Gartenzaun einen Nazi wittert. Außerdem ist da noch Lydias Opa. Ein wirklich alter Nazi, den sich Roy, damals noch Micha, und Lydia, damals noch mit Micha auf Anti-Nazi-Trip, als Feind auserkoren hatten.

Parallel dazu träumt Gitte (Brigitte Peters) vom Glück, das sie nur in Portugal finden zu können glaubt, "Schuldenfreiheit, Mietfreiheit, Freiheit überhaupt". Ihren miesen Putzjob in einer "Blutbank" teilt sich Gitte mit der illegalen Osteuropäerin Sascha (Lucie Teisingerova), die Jüdin ist - und deren Mutter wie viele jüdische Waisenkinder als Blutspender für Wehrmachtssoldaten von deutschen Ärzten regelrecht ausgeschlachtet wurde, "lauter kleine Ärmchen zerstochen von Deutschen".

Gitte hat zwar ein Alkoholproblem, aber kein Problem mit der Nazi-Vergangenheit - "Die sind ja nicht ich". Ihr Nebenjob als Reinigungskraft in Reizwäsche bei einem alten Herren in schwarz-silberner Uniform fällt ihr deshalb nicht schwer. Und da Sascha "gar nicht wie eine Jüdin aussieht", wäre "so’ne rattenscharfe Osteuropäerin" doch wie gemacht für den pikanten Putzjob. Zwei Frauen sind aber zuviel für den Alten - er verröchelt.

Mit "Gott möge seiner Seele scheiße sein" quittiert Roy das Ableben des alten Herrenmenschen. Beim Tod des Nazi-Opas treffen sich die Figuren und Handlungsstränge, kreuzen sich, schließen den Kreis. Aber ist das nun das Ende der Geschichte oder doch ein Rückblick auf den Anfang, der Roy einst in den Knast brachte? Es ist beides.

Sie will eben nicht vergehen, die Vergangenheit, der Teufelskreis der unbequemen Wahrheiten lässt sich immer neu in Schwung setzen. Regisseurin Hanna Müller kleistert solche wirkungsvollen Stellen nicht durch allzu plakative Bilder zu. Nicht mal ein Hakenkreuz ist zu sehen. Naja, vielleicht ist eines versteckt in den Graffiti auf dem Bushäuschen (Bühne und Kostüme: Holger Syrbe), aber man hat gar keine Zeit, genauer hinzuschauen. Es spielt sich alles rund um diese Haltestelle ab, mitten im Publikum oder auf dem Balkon. Gleichzeitig, neben- und übereinander. Da muss man als Zuschauer schon am Ball bleiben und das ist auch das einzige Manko der Inszenierung: Durch die eher miese Akustik des E-Werkes verliert sich manche Dialogzeile. Da hat man dann leicht das Gefühl, gerade nicht folgen zu können. Hin und wieder eine Atempause, das wäre der Wirkung sehr dienlich gewesen.

Fairerweise muss man aber sagen: Die Schweriner Version des mit Fäkalsprache gesättigten Stückes ist zurückhaltend, gemessen an dem, was Lauckes Text einem Regisseur optisch erlauben würde. Hanna Müller verkneift es sich beispielsweise, wirklich zu zeigen, wie eine Jüdin in Dessous vor einem in SS-Uniform onanierenden Lustgreis putzt.

Vor dem geistigen Auge des Zuschauers findet das unerträgliche Bild natürlich doch und umso verstörender statt. Wie "zu jung zu alt zu deutsch" bei genauem Hinsehen überhaupt so einige Gewissheiten ankratzt. Nach und nach verdichten sich die Figuren zu Beispielen des Umgangs mit der zentralen, ungeheuren dunklen Stelle der deutschen Vergangenheit, und der springteufelige Ankläger Roy ist nicht der sympathische Charakter, als der er anfangs startet. Jens, erst wie ein Weichei wirkend, differenziert stärker: Er behauptet nicht, eine Antwort zu haben, erkennt aber: Für Roy ist der demonstrative Antifaschismus vor allem eine Art Selbstvergewisserung, ja Selbstbefriedigung. Roy sei gegen Nazis, so wie Roy "gegen jeden Wind pissen würde". Jens tätowiert ihm etwas auf die Brust, am Schluss ist es zu lesen: "Wanker". Das englische Wort für "Wichser".

Amüsant sein und nebenbei im Zuschauer die Saat der Verunsicherung hinterlassen, ist nicht die schlechteste Theater-Machart. Anfangs wurde viel gelacht bei der Premiere am Mittwoch. Am Ende, nach dem Applaus, musste man dann doch noch auf dem Stück herumdenken. Die Saat ist aufgegangen. Das ist ein Kompliment.

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