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Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz : Tanz auf Messers Schneide

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz begeistert ihr Publikum im In- und Ausland – doch es muss um seine Zukunft bangen

Heiße Rhythmen erfüllen das alte Gemäuer, der Boden vibriert unter den hüpfenden und wirbelnden Füßen. Das stundenlange Training der Deutschen Tanzkompanie in einem unsanierten Altbau der mecklenburgischen Kleinstadt Neustrelitz gleicht einem Kraftakt. Hart sind die körperlichen Anforderungen an die 14 Darsteller des bundesweit einzigartigen Ensembles. Dazu schwebt die geplante Theaterreform des Landes wie ein Damoklesschwert über der tanzenden Truppe. Fallen die Zuschüsse weg, stehe die Kompanie vor dem Aus, sagt Direktor Wilhelm Denne.

„Und eins, und zwei, Bauch fest, Kopf hoch!“ Trainingsmeisterin Yvonne Gast agiert inmitten ihrer Schützlinge. Unermüdlich jagen die jungen Frauen und Männer übers Linoleum, sprinten, springen, schreiten, schwitzen. Jeder Muskel auf Spannung, jede Geste präzise, die Mimik hochkonzentriert. Ein Feuerwerk aus Musik und Bewegung, die Tänzer mehr Leistungssportler denn Künstler.

Lenka Liebling kam mit 23 Jahren und klassischer Ballettausbildung aus Tschechien nach Neustrelitz, das war 1995. Die Tanzkompanie habe in den letzten 20 Jahren ihr Repertoire enorm gesteigert, sagt sie. Traditioneller Tanz sei so anders als modernes Ballett, er werde mit  besonders viel Ausdruck auf die Bühne gebracht. Sie habe hier viel gelernt, auch Genres wie Folklore, Cha-Cha-Cha, Rumba, Charleston.

„Wir waren überall auf der Welt, jedes unserer Stücke hat die Leute glücklich gemacht“, sagt Liebling. Die Häuser seien stets voll und das Publikum begeistert. „Meine Karriere ist vielleicht zu Ende“, sagt die kleine Frau und kämpft mit den Tränen. Nach dem nahenden Ende ihrer Bühnen-Laufbahn habe sie sich der Ausbildung der Kinder widmen wollen, sagt sie. Wenn die Tanzkompanie schließe, sei das wie „Herz ausreißen aus Seele“.

Denne leitet das Ensemble, das aus dem 1954 gegründeten, einzigen staatlichen Dorf- und Folkloreensemble der DDR hervorgegangen war und 1991 als Gastspiel- und Tourneetheater in Trägerschaft einer Stiftung neu gegründet wurde. Die Kompanie sterbe schrittweise, sagt Denne. 1992 begannen 56 Mitarbeiter, davon 25 Tänzer und 5 Musiker. Heute gibt es noch 21 Beschäftigte, darunter 14 Tänzer, aber keine Musiker mehr.

Der Flügel im Probensaal ist abgedeckt. Gespielt habe den schon seit über zehn Jahren niemand mehr, sagt Axel Rothe. Der Mittvierziger ist wie Liebling eines der Urgesteine der Kompanie. Jetzt legt er rasch eine neue CD in die Musikanlage, reguliert das Tempo und eilt zurück an seine Position. Andere ältere Tänzer, die vor Jahren schon Trainer oder Techniker wurden, müssten heute bei größeren Aufführungen wie der „Carmina Burana“ wieder einspringen, sagt Denne.

Peu à peu habe die Tanzkompanie abspecken müssen. 2006 fiel der jährliche Zuschuss vom Kreis in Höhe von 25 000 Euro fort, 2010 die Zuwendung in Höhe von 50 000 Euro von der Stadt. Doch mit der nun angedachten Theaterreform im Osten des Landes könnte das Ensemble endgültig vor dem Aus stehen, befürchtet Denne. Der Plan sehe eine „Straffung der Theaterlandschaft in der Region“ vor. Dazu gehöre die Fusion des Theaters Vorpommern mit der Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg-Neustrelitz, seit 2010 Hauptträger der Tanzkompanie.

Mit der Theaterfusion sollen die bisherigen Landesgelder von jährlich 950 000 Euro nicht mehr wie bisher für die Tanzkompanie zweckgebunden sein, ergo wegfallen, sagt Denne. So sollten wohl Löcher der anderen Häuser gestopft werden. „Die Deutsche Tanzkompanie, das einzige zeitgenössische Tanztheater mit folkloristischen Zügen bundesweit, wird zum Spielball und letztlich zum Abschuss freigegeben“, sagt Direktor Denne.

Nicht nur mehr als 80 Vorstellungen im Jahr, die zur Hälfte in der Region gegeben werden, fielen aus. Die Mitglieder der Kompanie wären ihren Job los, ebenso die vier Trainer und Pädagogen des angeschlossenen Kinder- und Jugend-Tanzhauses. 150 Kids verlören ihre Freizeitbeschäftigung. Schulprojekte mit Ballett, Hip-Hop, Breakdance wären passé. „Für Neustrelitz ist das eine Katastrophe“, meint Lenka Liebling. „Was soll denn dann hier noch bleiben?“

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