Struktur des Lebens

Der Engländer Martin Durham taucht das Schweriner E-Werk kunstvoll in ein neues Licht.<foto>Grombacher</foto>
Der Engländer Martin Durham taucht das Schweriner E-Werk kunstvoll in ein neues Licht.Grombacher

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27. Juli 2010, 06:52 Uhr

Schwerin | Im rechten Licht betrachtet, sieht vieles gleich ganz anders aus. Verborgene Winkel werden ausgeleuchtet, die der Mensch sonst gar nicht wahrnimmt. Spuren des Alterns kaschiert. Das funktioniert bei einer Diva, die in die Jahre gekommen ist, genauso wie bei einer Stadt. In diesem Sinn also kommen Martin Durhams "Lichtreflexe" im Kunstverein Schwerin gerade recht zum 850-jährigen Stadtjubiläum. Aber ob es ausgerechnet kaltes Neonlicht sein muss, dem nicht unbedingt nachgesagt wird, dass es den Konturen besonders schmeichelt?

Sechs internationale Künstler zeigen anlässlich des Jubiläums in diesem Jahr ihre ganz persönliche Sicht auf die Landeshauptstadt. Nach den Fotoporträts von Remigijus Treigys (Litauen) und Ly Lestberg (Estland) im Frühjahr sowie den begehbaren Leitern von Simone Zaugg (Schweiz) ist die Ausstellung des 1968 in Aldershot/ England geborenen Martin Durham schon die dritte Position. Drei Rauminstallationen zeigt der Brite, der an der Kunstakademie in Münster bei Reiner Ruthenbeck studiert hat und heute in Köln lebt.

Alle Arbeiten sind nicht neu, aber alle für die Räume im E-Werk neu arrangiert. Dazu hängen Bleistiftzeichnungen an den Wänden, die das Thema der Installationen vorbereiten und ergänzen. Immer sind es Neonröhren, aus denen Durham seine Lichtskulpturen baut. Wie Zellstrukturen liegen sie auf dem Boden oder überbrücken den Winkel zwischen Boden und Wand. Mal sind sie kombiniert mit fragilen Zeltstangen, über die neongelb ein Schwimmring oder eine Hängematte geworfen ist. Mal mit Plexiglasröhren, in welche Papierknöllchen oder Schnipsel gesteckt wurden.

Durhams minimalistische Arbeiten lassen an den Amerikaner Dan Flavin (1933-1996) denken, der mit seinen Gebilden aus Neonröhren neue Räume und neue Raumwirkungen konstituierte. Auch Durham taucht seine Umwelt in ein anderes Licht. Er taucht Schwerin in ein anderes Licht. Spiegel auf dem Boden lassen eine Assoziation an Wasser aufkommen. Der Besucher der Ausstellung bricht sich im Kunstlicht an den organischen Zellformationen auf dem Boden. Das lebensfeindliche Neon und die Zellen als Bauplan jeglichen Lebens stehen in kontrastierendem Widerspruch. Doch ist es wirklich ein Widerspruch? Ist Licht nicht die Voraussetzung für jedes Leben?

Martin Durhams Werke stehen für sich selbst und nehmen doch immer Bezug zum Raum, zu ihrer Umwelt. An unterschiedlichen Orten wirken sie nie gleich. Leben heißt Veränderung. Und doch sind es immer die gleichen Strukturen, aus denen sich das organische Leben zusammensetzt. Genau wie bei einer Stadt. Die verändert sich auch stetig und ist doch immer dieselbe.

Martin Durham: "Lichtreflexe", Kunstverein Schwerin, E-Werk am Pfaffenteich, Spieltordamm 5, Mi-So 15-18 Uhr, bis 4. September

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