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Spielen in der Bundesliga

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erstellt am 29.Aug.2012 | 09:56 Uhr

Schwerin | Er ist der neue Gaststar am Staatstheater Schwerin. Christian Weise inszeniert "Der ideale Mann" von Oscar Wilde in der Überstzung von Elfriede Jelinek - und das Theater, über dem immer noch die Ungewissheit des ausstehenden neuen Theaterkonzepts schwebt, hofft auf bundesweite Wahrnehmung. "Christian Weise ist absolute Bundesliga", sagt Chefdramaturg Ralph Reichel. Eine "intelligente Komödie" sei Wildes Klassiker über private und öffentliche Moral - lustig, böse, hintergründig.

Regisseur Weise hat schon an den ersten Häusern des deutschsprachigen Theaters gearbeitet, was er auf die Bühne bringt, wird deutschlandweit wahrgenommen, in den großen Feuilletons und in der Fachpresse wie "Theater heute". Ja, sagt Schwerins Chefdramaturg Reichel, man könne diesen Regisseur nach Herbert Fritsch und seinen viel beachteten Arbeiten am Staatstheater durchaus einen neuen Gaststar nennen. "Aber er ist ein Gaststar, den man nicht mit Geld überzeugt - sondern mit den Rahmenbedingungen und einem begeisterten Ensemble." Geld für teure Verpflichtungen hat das Staatstheater nämlich keines übrig - das Haus steht durch den seit Jahren eingefrorenen Zuschuss des Landes regelmäßig finanziell auf der Kippe. Aber Inszenierungen, die überregional Aufsehen erregen, sind natürlich gute Argumente in der endlosen Debatte um Geld und Qualität. Zumal bald die vom Kultusministerium beauftragten Berater verschiedene Strukturvarianten für Bühnen und Orchester vorstellen sollen.

Womit man schon fast bei Oscar Wilde wäre. Um die Theaterfinanzierung geht es in "Der ideale Mann" zwar nicht - aber um Politik sehr wohl. Die Story: Sir Robert Chiltern (Jochen Fahr) ist auf Karriere-Kurs, ein Stuhl im Kabinett ist in Sicht. Er ist ein Saubermann mit schicker Gattin (Sonja Isemer), ohne Skandale, viel bewundert, ein leuchtendes Beispiel in einem finsteren Geschäft. Nur: Anfang und Grundlage seiner Karriere war ein kriminelles Geschäft. Damit erpresst ihn die skrupellose Mrs. Cheveley (Katrin Heller): Sir Robert soll ein dubioses Projekt unterstützen - sonst platzen Image und Karriere. Es folgen diverse Verwicklungen, manches Bonmot und ein fein zynisches Happy End mit dauerhafter Gültigkeit. "Die Probleme werden nicht gelöst, sie werden entsorgt", sagt Reichel.

Christian Weises Inszenierung basiert auf der Übersetzung von Elfriede Jelinek. Die Literaturnobelpreis-Trägerin hat Wildes Originaltext - der eigentlich den Titel "Der ideale Gatte" trägt - gemeinsam mit Karin Rausch übersetzt und modernisiert. "Sie hat aber an der Story nichts geändert", erläutert Ralph Reichel. Auch auf die für sie so typischen ausufernden Textfelder habe Jelinek verzichtet. "Sie hat die Sprache beschleunigt, hat sie heutiger gemacht. Aber es bleibt Oscar Wilde."

Allerdings ist Jelineks "Der ideale Mann" länger als das englische Original, für die Schweriner Inszenierung wurde ein bisschen gekürzt.Anspielungen auf die an Skandalen ja nicht arme österreichische Innenpolitik seien für das deutsche Publikum ohnehin nicht zu verstehen, sagt Ralph Reichel. Auch aktuelle Anspielungen auf die Politik im Nordosten hat sich das Regieteam verkniffen. Reiche: "Es hätte ja - etwa die Werftenkrise - genug Anknüpfungspunkte gegeben. Aber wir haben das bewusst offengelassen." Jeder darf und soll "sich seine eigene Folie suchen". Heißt: Die aktuellen Anspielungen serviert nicht die Inszenierung - sie finden im Kopf des Zuschauers statt.

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