Spiele im Beziehungslabor

Ausgeleuchtete Beziehungen: Brit Claudia Dehler, Lucie Teisingerova, SebastianReusse und  Bernhard Meindl in 'Illusionen' Winkler
Ausgeleuchtete Beziehungen: Brit Claudia Dehler, Lucie Teisingerova, SebastianReusse und Bernhard Meindl in "Illusionen" Winkler

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03. September 2012, 07:04 Uhr

Schwerin | Ein Häuschen mit Blumen vorm Fenster und Bank davor. Eine Liegewiese, ein Grill natürlich. Vier junge Leute dekorieren den Garten mit Buchsbaumkugeln, aus denen Luftballons aufsteigen. Ein anheimelnder Ort, an dem sie Episoden von zwei Paaren erzählen oder spielen werden, die über 50 Jahre miteinander gelebt haben. Eine Idylle immerwährender Liebe?

Tänzelnd verstecken die Erzähler ihre Gesichter hinter Fotomasken von ihren Gesichtern, die Personen wie die Geschlechter vertauschend. Über dem chorischen Bericht von Lebenserfüllung schwillt Musik an mit einem berühmten Vierklang: f-h-dis-gis, der Tristan-Akkord, der als Impuls hin zur Atonalität gilt. Das Signal vom Zerrissensein. Treffend vieldeutiger Auftakt für die schmerzliche Komödie "Illusionen" von Iwan Wyrypajew im Schweriner E-Werk. Bei der Premiere am Sonnabend gab es starken Beifall.

"Wahre Liebe beruht immer auf Gegenseitigkeit!" Der Satz erscheint als Leitmotiv des russischen Autors. Die Liebesfloskeln aber werden überprüft in der Verknüpfung von vier Biografien, zeitgemäßen "Wahlverwandtschaften", deren Bruchstücke aus vier abrupt wechselnden Perspektiven betrachtet werden. Eine gedankliche Melange à quatre, in der große Gefühle und Täuschungen ineinander fließen, Wahrheit und "wahre Liebe" kollidieren, keine Beschwörung gewiss ist. "Seltsam gelebtes Leben", in dem eine Frau vorm Lebensende gesteht, ihre heimliche Liebe geopfert zu haben, um die Freundschaft nicht zu zerstören. Desillusionierung angesichts des Todes.

Ein Stück wie ein Joint für die Bühnen-Phantasie. David Czesienski und Robert Hartmann, Regisseure wie Ausstatter, lassen sie von der Leine gleichsam in huschenden Momenten einer Traumerzählung, in der reale wie absurde Bilder das Mosaik einer Verstrickung fügen: ironisch, nüchtern, karikierend, hochgetourt.

Heftige Variationen mit vier Schauspielern und unvermeidlicher Kamera, die Begegnungen im Haus nach außen bringt. Quasi häuten sich die Figuren mit dem Ausziehen ihrer farbigen T-Shirts. Hier aggressiver Ausbruch einer Frau, dort poetisch umnebelte Erinnerung eines Mannes. Gespenster drängen sich ins Geschehen. Zum Wechsel zwischen dem Erzählen und Darstellen kommt für die Akteure noch Bühnenumbau und Beleuchtung. Zuletzt liest selbst die Souffleuse noch auf dem Tableau. Der undramatische Text wird so auch belebt mit Aktionen des Theatermachens. Die aber den Text beim spielerischen Aufbrechen manchmal unterpflügen, die im Überdrehen, wie beim endlos kindischen Streit um Bettzeug, vom blanken Unsinn der Comedy infiziert sind. Szenischer Lärm, der den Motiven des Stücks nicht unbedingt gut tut. Überhaupt gehört ja die Unterschätzung von Text und Sprache zu den Verarmungen des modernen Körpertheaters.

Lucie Teisingerova führt das Quartett der Temperamente mit fraulicher Intensität an, kann gefasst wie auch explosiv hysterisch sein. Brit Claudia Dehler ist das jugendlich lakonische, unbekümmerte, auch gerührte Element. Bernhard Meindl gestaltet locker den jungenhaften, Sebastian Reusse gelassen den erfahrenen Mann. In schwankenden Stimmungen suchen sie nach der Liebe in den Labyrinthen des Lebens.

Die Illusionen über die Realität enden nachdenklich. Der Moment zum Mitnehmen aus dem offenen Beziehungslabor.

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