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"Sogar Kränze und Gedichte flogen..."

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erstellt am 16.Jun.2011 | 03:26 Uhr

"Sie werden sich überzeugen, dass die Bilder des Unheimlichen die bei weitem vorherrschenden sind, und es wird Ihnen deutlich werden, dass sie den Hauptcharakter der Oper geben", versprach Carl Maria von Weber vor der Uraufführung seines "Freischütz" am 18. Juni 1821 in Berlin. Er hielt Wort und ließ seine Streicher, Holzbläser und Pauker nicht nur in der berühmten Wolfsschluchtszene dämonische Tongemälde malen, dass selbst die wackeren Berliner im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt ergriffen waren. Was sie aber nicht daran hinderte, tags darauf die bis heute populären Lieder auf den Straßen zu trällern - "Wir winden dir den Jungfernkranz", "Durch die Wälder, durch die Auen, zog ich leichten Muts dahin"... Das wurde selbst Heinrich Heine zu viel. Obwohl der den "ganzen Freischütz vortrefflich" fand, fühlte er sich doch etwas zu sehr "mit veilchenblauer Seide gewürgt".

Dennoch, "Der Freischütz" trat unbeirrt seinen Siegeszug durch die Opernhäuser der Welt an, in ungezählten Inszenierungen, mal mehr oder weniger tümelnd, oft genug in scheinbar gegenwärtige Regie-Moden gepresst oder, wie im "Black Rider" von Tom Waits und Robert Wilson, als Musical ins 20. Jahrhundert gezaubert.

Dabei scheint die Handlung dieser "Romantischen Oper", dieses Gespenster-, Jäger- und Abenteuer-Märchens, dieser düster verhangenen Liebesgeschichte viel weniger komplex als die geniale Musik Carl Maria von Webers, der jenes tiefe, tiefempfunde, "wundersame Melodienband" zu knüpfen wusste, das noch heute, fast 200 Jahre nach der Uraufführung, Menschen in ihren Bann zu ziehen vermag.

Jäger Max liebt Försterstochter Agathe, die er nur bekommt, wenn er sich durch einen erfolgreichen Probeschuss als wahrer Mann beweisen kann. Doch finstere Mächte und eigene Versagensängste stürzen ihn in eine tiefe Krise, die er durch die Freikugeln des Schwarzen Jägers, also durch unlautere Mittel, überwinden will. Wer will, kann diesen modellhaften, märchenhaften Konflikt als Albtraum eigener Ängste lesen und mit seinem Leben als Marionette an den Strippen unsichtbarer Mächte vergleichen.

Doch lassen wir zumindest für diesen einen großen Opernabend alles Düstere auf der Bühne. Denn: "Das Ganze schließt freudig", versprach der Komponist vor der Arbeit am "Freischütz" tröstend seiner Braut Caroline Brandt.

Auch für den immer kränklichen Carl Maria von Weber ging das kräftezehrende Abenteuer an diesem Werk, das ihn unsterblich machen sollte, gut aus: "Wurde mit dem unglaublichsten Enthusiasmus aufgenommen", freute er sich in seinem Tagebuch. Sogar "Gedichte und Kränze flogen." Kränze und Gedichte fliegen heuzutage seltener. Doch auf Blumen und Enthusiasmus wird auch dieser "Freischütz" des Jahres 2011 bei den Schweriner Schlossfestspielen auf der romantischen Freilichtbühne im barocken Schlossgarten nicht verzichten müssen.

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