Ludwigsluster Schloss : So feierten die Herzöge Weihnachten

Gespannt lauschen die Schüler  den Erklärungen von Sylvia Wulff.
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Gespannt lauschen die Schüler den Erklärungen von Sylvia Wulff.

Gottesdienst, Tee und ein Glöckchen: Museumspädagogin Sylvia Wulff zeigt im Ludwigsluster Schloss Kindern und Jugendlichen, wie Mecklenburgs Adlige die Feiertage begingen

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17. Dezember 2013, 11:18 Uhr

Es müssen ganz besondere Weihnachtsfeste auf Schloss Ludwigslust vor fast 100 Jahren gewesen sein: Prunkvolle Feste, bei denen der elegante Marmorsaal im zweiten Stock zum Weihnachtszimmer für die ganze Familie wurde. Feste, die mit dem gemeinsamen Kirchgang begannen und mit Tee im Weihnachtszimmer endeten. Und Feste, bei denen die kleinen Prinzen und Prinzessinnen nach der Bescherung ausnahmsweise auch mal mit dem neuen Fahrrad die endlos langen Korridore entlangbrausen durften.

„Ich dürfte niemals mit dem Fahrrad im Haus fahren. Das finde ich ganz schön verrückt, dass die Prinzen und Prinzessinnen das durften“, sagt Victoria. Mit ihrer Klasse, der 4c der Ludwigsluster Fritz-Reuter-Schule, besuchte die Zehnjährige jetzt das Ludwigsluster Schloss, um an einer ganz besonderen Führung teilzunehmen: „Weihnachtsbräuche zu herzoglichen Zeiten“ ist der Titel des museumspädagogischen vorweihnachtlichen Programms, das das Schloss noch bis kommenden Freitag anbietet. „Es geht uns darum, zu zeigen, dass es Prinzen und Prinzessinnen nicht nur im Märchen gibt, sondern sie auch hier wirklich gelebt haben. Natürlich hatten sie eine ganz andere Stellung, aber es waren auch Kinder“, sagt Museumspädagogin Sylvia Wulff. Ihre Schilderungen basieren zum größten Teil auf den Memoiren von Christian Ludwig Herzog zu Mecklenburg, geboren 1912, verstorben 1996, bis zu seinem Tode Oberhaupt des Hauses Mecklenburg aus der Dynastie der Obodriten – bis 1945 lebte er im Ludwigsluster Schloss. „Dadurch, dass er berichtet, was er erlebt und wie er hier gelebt hat, haben wir viele Besonderheiten erfahren, die wir nun an die Kinder weitergeben können“, so Wulff.

Dabei haben die Ludwigsluster Grundschüler eigentlich schon ganz konkrete Vorstellungen, wie Weihnachten bei den Mecklenburger Herzögen gewesen sein muss: „Der Prinz hatte viel Geld und der Vater vom Prinz hatte auch viel Geld, sonst hätte er ja dieses Schloss nicht errichten können. Also hat der Prinz bestimmt viele Weihnachtsgeschenke bekommen“, sagte der zehnjährige Nedred. „Klamotten“ für die Prinzen, Gold und Edelsteine für die Prinzessinnen tippen seine Klassenkameraden als häufigste Präsente für die kleinen Adeligen. Nicht ganz, berichtigt Museumspädagogin Wulff: Indianerschmuck habe einmal unter dem Baum gelegen, das Fahrrad ein anderes Mal, und einmal sei es ein kleiner Clown gewesen. „Dieser Clown durfte mit ins Kinderzimmer genommen werden, alle anderen Geschenke mussten erstmal unter dem Baum liegen bleiben“, so Wulff.

Und auch sonst hatten die jungen Herzöge am Heiligen Abend ein volles Programm: „Dort drüben liegt die Stadtkirche“, erklärt Sylvia Wulff den Viertklässlern und zeigt dabei aus dem bodenhohen Fenster im Schloss-Foyer. „Am Heiligabend um 17 Uhr ging die Familie in den Gottesdienst. Wenn sie zurückkam, standen an beiden Seiten der Brücke im Schlosspark Trompeter, die Weihnachtslieder gespielt haben. Die Kinder warteten dann im Schreibzimmer des Vaters, bis er auf dem Korridor mit einem Glöckchen läutete, und die Kinder den Marmorsaal betreten durften.“

Der Vater habe die Weihnachtsgeschichte vorgelesen – und danach hätten die Kinder ihre Geschenke ansehen dürfen. Ein weiterer Höhepunkt zu Weihnachten: lange aufbleiben. „Jeden Abend bis zum 6. Januar kam die Familie im geschmückten Weihnachtszimmer zusammen, um halb zehn gab es Tee und Plätzchen. Die Prinzen und Prinzessinnen mussten erst ins Bett, wenn der Tee kam“, so Museumspädagogin Wulff.

Sie spart auch die wenig herrschaftlichen Details nicht aus: „Im Schloss waren es nur 11 bis 15 Grad – und dann haben die Frauen und Mädchen immer diese dünnen Kleider getragen. Und es gab zwar 100 Zimmer, aber im gesamten Schloss keine Toilette.“

Die Kinder, sagt Wulff, seien in der Regel sehr interessiert an den weihnachtlichen Bräuchen auf dem Ludwigsluster Schloss. „Bestimmte Sachen, die man ihnen erzählt, akzeptieren sie. Geht es aber beispielsweise um Regeln, bei denen man nicht ausscheren kann, ist das für heutige Kinder oft merkwürdig.“ Das empfindet auch die elfjährige Aicha so. „Es ist toll, wenn man im Schloss Weihnachten feiern kann“, sagt das Mädchen. „Aber ich finde es schon komisch, wenn Kinder ihre Weihnachtsgeschenke nach dem Auspacken nicht zum Spielen mitnehmen dürfen. Außerdem hätte ich gedacht, dass Kinder, die auf einem Schloss leben, ganz viel zu Weihnachten bekommen, auch Geld, Gold und Edelsteine.“

Die Weihnachts-Führung für Kinder ist eines von verschiedenen thematischen Programmen für junge Museumsbesucher, die in Ludwigslust angeboten werden. „Wir machen Angebote zu Weihnachten und Ostern, aber auch in den Sommer-, Winter- und Herbstferien“, erläutert Sylvia Wulff, die seit sieben Jahren vor allem Kinder- und Jugendgruppen, aber auch Erwachsenen, das Schloss zeigt und von seinen früheren Bewohnern erzählt.

Besondere Herausforderung: Die umfangreichen Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten, mit denen 2011 begonnen wurde. Derzeit können zwölf von insgesamt 100 Zimmern genutzt werden, der prunkvolle Goldene Saal oder der Marmorsaal sind gesperrt. „Wir haben nun mal nur einen Teil des Schlosses und daraus versuchen wir, etwas zu machen. Wir nutzen das Bauen für neue Projektreihen“, erklärt Wulff. So lernten die Kinder altes Handwerk und Kunsthandwerk kennen, erführen, wie Steinmetze oder Vergolder arbeiten und wie die Räume in Schloss Ludwigslust mit Papiermaché dekoriert wurden.

Bei allen Führungen, betont Wulff, könnten die Kinder immer auch kreativ werden – egal, ob sie zur Weihnachtszeit ein Geschenk bastelten oder eigene kleine Handwerksarbeiten ausführten. „Für uns hängt das auch eng mit diesem Haus zusammen: Auch die Herzöge waren kreativ und kunstinteressiert.“

Im vergangenen Jahr nutzten rund 400 Kinder die museumspädagogischen Angebote, in diesem Jahr rechnet Sylvia Wulff mit rund 300 jungen Besuchern. „Insgesamt waren in diesem Jahr etwa 1600 Kinder als Besucher im Schloss. Der Dezember ist dabei tatsächlich immer der am besten besuchte Monat.“

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