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Ausgrabungen MV : Slawen-Kultstätte am Kap Arkona

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Archäologen entdecken bei Sicherung einer alten Tempelburg vor dem Absturz Überreste einer besonderen Halle.

Für die Archäologen war es eine „riesige Überraschung“: Bei Ausgrabungen an der Tempelburg am Kap Arkona auf Rügen sind Archäologen auf die Überreste eines in der slawischen Welt bislang unbekannten Gebäudes gestoßen. Sie entdeckten Überreste einer rund acht mal zwölf Meter großen Halle, die offenbar kultischen Handlungen diente. „Das Gebäude ist größer als alle anderen Gebäude, die zwischen Elbe und Polen in der Slawenzeit entstanden“, sagte gestern der wissenschaftliche Projektleiter, Fred Ruchhöft. Ersten Rekonstruktionszeichnungen zufolge könnte das im 11. Jahrhundert vermutlich auf Eichenpfosten errichtete Gebäude eine Höhe von bis zu zwölf Metern gehabt haben. „Diese Entdeckung ist für uns eine riesige Überraschung und ein großer Erkenntnisfortschritt“, sagte MV-Landesarchäologe Detlef Jantzen. Die slawische Tempelburg an der Nordspitze der Insel Rügen gilt als das zentrale Heiligtum der westlichen Slawen.

Konkret stießen die Forscher in der Ausgrabung unmittelbar an der Kliffkante auf jeweils ein Meter mal ein Meter große Pfostengruben, die zusammen eine leicht schiffsförmige Form ergeben. Schon vor Jahren hatten andere Ausgrabungsteams vier dieser geheimnisvollen Gruben entdeckt, diese aber für Opfergruben gehalten.

Im Jahr 2013 entdeckte das Grabungsteam um Ruchhöft eine fünfte Grube. An Leerstellen zwischen den Gruben ließ der Ur- und Frühgeschichtler weiter suchen. Dort stieß sein Grabungsteam dann in diesem Jahr auf eine sechste und siebente Pfostengrube. „Der Abstand der Gruben und die leicht schiffsförmig anmutende Fundamentstruktur lässt auf skandinavische Einflüsse schließen“, sagte Ruchhöft.

Ähnliche Grundrisse von Zeremoniengebäuden gibt es im dänischen Tissoe und im schwedischen Uppakra.

Rätselhaft ist, warum ein skandinavisches Gebäude in einem slawischen Heiligtum errichtet wurde. Das 11. Jahrhundert war hierzulande noch „eine tief slawische Zeit“. Die Tempelburg wurde erst gut einhundert Jahre später, im Jahr 1168 endgültig von den dänischen Christen erobert und zerstört. Dass der Bau für Kulthandlungen und als Versammlungsstätte genutzt wurde, ist für die Archäologen naheliegend. Gleich neben der Halle gibt es eine Konzentration von Opfergruben, in denen sich Münzen, Perlen und Pfeilspitzen fanden. Wie der slawische Opferkult auf Rügen genau aussah, wissen die Forscher nicht.

Eines schließen die Forscher allerdings aus: Dass es sich bei der Halle um den eigentlichen Tempel des slawischen Gottes Swantevit handelt. Die Überreste dieses vom dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus (um 1140 bis 1220) beschriebenen Tempels sind vermutlich schon vor Jahrhunderten ins Meer gestürzt. Von der gesamten slawischen Tempelanlage ist nur noch rund ein Drittel erhalten.

Weil sich die Ostsee pro Jahr einen halben Meter vom Steilküstenkliff holt, führt das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege seit 2012 systematische Notgrabungen durch. Gefunden wurden rund 200 Münzen aus dem deutschen, arabischen und skandinavischen Raum, 200 Perlen, rund 350 Pfeilspitzen und eine Wikingeraxt.

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