Polizeiruf 110 : Sektempfang mit Kommissaren

dpa_148e6000be87da52
1 von 5

Der neue „Polizeiruf 110“ feiert in Rostock Premiere – erstmals mit zwei Ermittlerteams / Schwätzchen mit TV-Stars, streikende Technik und umtriebige Kellner

svz.de von
18. September 2015, 06:30 Uhr

Sekt. Überall, wo man hinsieht, steht Sekt. Leer, noch halbvoll, einige Gläser wurden gar nur zum Anstoßen benutzt. Und Orangensaft. In rauen Mengen. Das Lager muss aus nichts anderem bestehen als aus Sekt und Orangensaft.

Die Kellner sind an diesem Abend nicht zu beneiden. Immer wieder bieten sie den Gästen Getränke an, wenn es sein muss, fragen sie auch das zehnte Mal nach. Sonderwünsche? Kein Problem. „Wollen Sie vielleicht ein Glas Sekt mit einem Schuss Orangensaft?“

Anneke Kim Sarnau nimmt dankend an. Die Schauspielerin ist mit ihren Kollegen nach Rostock gekommen, der neue „Polizeiruf 110“ wird im Capitol der Hansestadt vorgestellt. Sie steht neben Charly Hübner, der neuerdings Schnauzer trägt. Sie necken sich. Ihr Lachen hallt bis auf die Straße. An den Wänden hängen Plakate zum neuen Film „Wendemanöver“. Der erste Zweiteiler in der Geschichte des „Polizeirufs“. Das Foyer ist rot eingedeckt. Es ist voll, 200 Leute drängen sich in den überschaubaren Raum. Und ich mittendrin. Vor zwei Jahren sei Matthias Schweighöfer hier gewesen, flüstert mir ein Kellner zu: „Da sind 800 Leute gekommen. Frag’ mich nicht, wie das funktioniert hat.“

Als die Sarnau zum ersten Schluck ansetzt, ist sie von Fans und Reportern umringt. Ein Mann fragt nach einem Selfie. „Natürlich, kommen Sie her! Halt, warten Sie: Kann irgendwer den Sekt halten?“ Claudia Michelsen und Sylvester Groth geht es ähnlich. Journalisten treiben die beiden Hauptdarsteller im Stakkato durch das Foyer. Sie hetzen von einem Interview zum nächsten. Bekommen die immer gleichen Fragen gestellt, um die immer gleichen Antworten zu geben. Wie habe denn die Zusammenarbeit funktioniert? Sei ja noch nie vorgekommen, dass sich die Rostocker und Magdeburger Ermittler zusammentun. „Hat alles geklappt. Sehr gut, danke.“ Groth verschwindet auf eine Zigarette vor das Kino, nach zwei Zügen wird er jäh aus seiner Pause gerissen. „In 20 Sekunden sind wir auf Sendung, Sylvester!“, ruft eine Redakteurin. Die Maskenbildnerin pudert hektisch ab.
Überfordert von den vielen Kellnern („Wollen Sie vielleicht ein Glas Sekt?“), stehe ich zwischen Kameraleuten und Fotografen.

Ich hatte ein paar Fragen vorbereitet, wahrscheinlich hätte ich sowieso nur die immer gleichen Antworten bekommen. War aber auch egal. Die Hauptdarsteller waren einfach nicht zu fassen. Es langte ja nicht einmal für eine Zigarettenlänge. Als es endlich losgeht, stehe ich noch in der Tür des großen Kinosaals. Sollen sich erst die anderen ihre Plätze aussuchen, denke ich mir. Lutz Marmor, Intendant des NDR, hält eine kleine Rede, die er nach eigenen Auskünften gar nicht geben wolle, weil er so Lust auf den Film habe, sie dann aber doch fast zehn Minuten in die Länge zieht. „Premieren sind komisch, oder?“, fragt mich eine Stimme aus dem Dunkeln. Ich blicke kurz nach links, Sylvester Groth hat sich zu mir gestellt. „Den eigenen Film sehen, dazu noch vor Publikum, das ist nichts für mich. Eigentlich ist das hier nur ein Sektempfang.“ Wir müssen lachen. Nach einem kurzem Plausch verschwindet er wieder aus dem Saal.

Ich setze mich auf die rechte Seite des Kinos, ganz außen sind ein paar freie Plätze. Voll ist es nicht. Und dann: Nichts. Absolut gar nichts. Die Technik streikt, die eingeschobene Blu-ray Disc hakt. Der bekannte Vorspann des „Polizeirufs“ ist nicht mehr als ein einziges nervtötendes Geräusch. Gellendes Gelächter. Ein Zuschauer fragt laut, ob die Schauspieler nicht einfach live spielen können. Sarnaus Lachen übertönt das ganze Publikum. „Klar, aber nur, wenn Sie die Leiche machen.“ Der Saal tobt. Nach kurzer Zeit funktioniert wieder alles.

Der Film? Ein komplexer Krimi, zügig erzählt, mit starken Charakteren: Das Rostocker Team um Hauptkommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) und LKA-Beamtin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ermittelt zusammen mit den Magdeburger Kollegen Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Jochen Drexler (Sylvester Groth). Die Anfänge der Geschichte reichen bis in die 90er-Jahre. Wende, BRD, DDR, Treuhand.

Nach 90 Minuten ist die Vorstellung vorbei – den zweiten Teil sollen dann doch lieber alle vor dem TV-Gerät sehen. Ich gehe zurück ins Foyer. Es gibt Sekt und Orangensaft. Einige haben sich ein Bier organisiert. Wie haben sie das nur geschafft? Eine Kellnerin fragt mich fast schon entschuldigend, ob ich nicht doch noch ein Getränk haben wolle. Es muss das zehnte Mal am Abend gewesen sein. „Nein, alles gut. Danke.“ Ich will gerade aus dem Kino gehen, als mich ein Mann im Anzug anspricht. „Und? Premieren sind wirklich komisch, oder?“ Es ist wieder Sylvester Groth. Unsere Unterhaltung wird prompt von einer Kellnerin unterbrochen: „Bei Ihnen noch Sekt? Oder vielleicht ein Orangensaft?“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen