Sehr merk-würdige Ausstellung

<fettakgl>Ganz bewusst auf Anfass-Höhe</fettakgl> für Kinder hat Anastasia Ryabova ihr manipuliertes Kinderspielzeug für die Installation 'Vom Kindergarten auf die Barrikaden' angeordnet.
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Ganz bewusst auf Anfass-Höhe für Kinder hat Anastasia Ryabova ihr manipuliertes Kinderspielzeug für die Installation "Vom Kindergarten auf die Barrikaden" angeordnet.

svz.de von
13. Juni 2012, 07:38 Uhr

Schwerin | "So proud to be a nigger" singt Lilibeth Cuenca Rasmussen auf dem Videoschirm, halbnackt im Baströckchen vor einer ironisch verkitschten Exotikkulisse tanzend, und es ist noch eine der zahmsten Zeilen… Rasmussens Installation ist ein Teil der großen neuen Ausstellung "Connected by Art" im Staatlichen Museum Schwerin, die heute Abend eröffnet wird und dann bis in den September hinein zeitgenössische Kunst aus den Ländern rund um die Ostsee zeigt.

Heimat, kulturelle Identität, Verortung des eigenen Seins - das seien für viele der 13 beteiligten Künstler zentrale Punkte der Auseinandersetzung gewesen, sagt Dr. Kornelia Röder, die gemeinsam mit Dr. Antonia Napp die Schau kuratiert hat: "Dazu kommt noch die Frage nach der Fragilität der Natur." Die Künstler seien auf eigene Erfahrungen zurückgegangen, ergänzt Dr. Napp, und das passe zum Diskurs-Charakter der Ausstellung: "Identität ist nichts Feststehendes. Es handelt sich um einen Prozess, um etwas im Fluss." Sven Johne (Deutschland), Marge Monko (Estland), Juhana Moisander (Finnland), Unnar Örn Anðarson (Island), Miks Mitrevics (Lettland), Nomeda und Gediminas Urbonas (Litauen), Knut Åsdam (Norwegen), Kamil Kuskowski (Polen), Anastasia Ryabova (Russland) und Magnus Petersson (Schweden) haben Werke beigesteuert, außerdem Udo Rathke (Deutschland). Und Lilibeth Cuenca Rasmussen natürlich, selbst mit einer Doppel-Identität als Dänin und Philippinin gesegnet. Sie spielt in ihrer Video-Performance "Absolute Exotic" mit Identitäts- und Geschlechtsstereotypen.

Etwas sperrig - aber durchaus unterhaltsam, so könnte man die Werke beschreiben. Sogar witzig, wie der Beitrag von Anastasia Ryabova. Die Moskauerin steuert die Installation - dieses Genre bestimmt die Schau - "Vom Kindergarten auf die Barrikaden" bei. "Ich wollte alternatives Spielzeug für eine alternative Erziehung schaffen", sagt Ryabova. Ihre Idee dafür ist bestechend: Sie hat die Sound effekte von grellbilligem Plastikspielzeug manipuliert. Wo zuvor auf Knopfdruck banale Liedchen erklangen, erschallt nun beispielsweise die Marseillaise. Und die Melodie von "Zu den Waffen, Bürger" klingt natürlich delikat, nachdem der russische Präsident gerade das Demonstrationsrecht hat verschärfen lassen. Oder die knubbelige Kinderkaufladen-Kasse: Sie hat ihre konsumterroristischen Zahlenansagen verloren - und knarzt jetzt auf Englisch: "Arbeiten! Kaufen! Sterben!"

Der Ansatz, die Region als Basis heranzuziehen, sei überfällig gewesen betonte Museumsdirektor Dr. Dirk Blübaum: "Der Ostseeraum sollte für uns ein naturgegebenes Arbeitsfeld sein."

Wer von Kunst klare Aussagen und dekorative Formen verlangt, wird über "Connected by Art" den Kopf schütteln. Wer aber gerne mit dem eigenen Kopf über Fragen nachdenkt, die so nur Kunst stellen kann - der ist haargenau richtig in dieser Schau. "Connected by Art" ist eine wirklich merk-würdige Ausstellung.

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