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Premiere mit Nao Matsushita in Schwerin : "Schneewittchen passt zu mir"

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Birgit Scherzer probt "blutrot. schneeweiß. rabenschwarz", ihr neues Tanzstück für Schwerin nach "Schneewittchen" mit einer Musikmischung von Beethoven bis Glass. Mit dabei: die Japanerin Nao Matsushita.

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erstellt am 10.Apr.2012 | 06:51 Uhr

Schwerin | Dem Jäger, der hier der Lover der Stiefmutter ist, geht es nicht gut. Im Streit würgt ihn die Hochmütige mit einem Tuch, und es folgt noch ein heftiger Tritt ins Kreuz. Andere Sequenz: Der Prinz nimmt das scheintote Schneewittchen so kräftig über die Schulter, dass ihr der Giftbrocken hoch kommt. Mit den Händen über Kreuz verbunden, wickeln sie sich in- und auseinander und zeigen das Glück in einer attraktiven Hebung bei der sie hoch über seinem Kopf schwebt, mit Armen, die weit vorgestreckt sozusagen auf der Luft liegen. Das ist ein Balanceakt, der schon artistisches Geschick erfordert. Mit ein, zwei Wiederholungen ist da noch nichts getan. Das misslingt auch mal. Das wird weggelacht. Im Ballettsaal des Schweriner Theaters entsteht tänzerische Phantasie als anstrengendes Puzzle. Für eine Doppelbesetzung mit zwei Paaren. Auf der Bühne soll Tanz dann eine Leichtigkeit haben, der man nicht ansieht, wie schwer sie zu machen ist.

Birgit Scherzer probt "blutrot. schneeweiß. rabenschwarz", ihr neues Tanzstück für Schwerin nach "Schneewittchen" mit einer Musikmischung von Beethoven bis Glass. Das Märchen gibt es nicht nur in der Fassung der Brüder Grimm. In anderen Ländern gerät das Mädchen statt zu den Zwergen auch zu Riesen oder in eine Räuberhöhle, zu Drachen, sogar zu Kannibalen.

Für die Choreographin, die in Schwerin schon mit "Frauen - Männer - Paare" reüssierte, ist das Märchen die Folie für gegenwärtige Beziehungen. Ihre Essenz ist das "Schneewittchen-Syndrom", der Konflikt zwischen Mutter und Tochter. Um zu erreichen, was sie selbst nicht konnten, sagt Scherzer, zwingen Mütter Kinder ins Korsett von Beschäftigung. Das zielt auf psychologische Sicht. "Aber", baut sie der Skepsis vor, "das Märchen ist trotz der Veränderungen da, bleibt erkennbar."

Abseits, ein Bein über einer Stange, hat Nao Matsushita inzwischen in einer Dehnhaltung gewartet, mit Blick auf ihre Kolleginnen. Nach ihren guten Leistungen in "Giselle" und "Carmen" wird sie nun das Schneewittchen tanzen. Das Märchenwesen ist bis Afrika und Amerika bekannt. Ebenso in Japan? "Ja", bestätigt die zarte junge Frau, "wir wissen auch von dieser Geschichte. Aber in meiner Kindheit hat sie keine Rolle gespielt, ich habe sie erst hier kennen gelernt."

Nao sieht die Figur ähnlich wie Giselle oder die Micaela aus "Carmen" zwischen Mädchen und Frau, und sie merkt vorsichtig an: "Das passt gut zu mir." Schneewittchens Profil entsteht nicht nur in den Proben, wo die Choreographin zwischen Nachdenken und Vormachen vorgibt, was gezeigt werden soll, lobt oder mehr fordert. "Ich beschäftige mich auch zu Hause damit, wie mein Ausdruck in den Situationen sich wandeln und wachsen kann. Ich freue mich sehr über diese Aufgabe", sagt die Solistin.

Nao Matsushita wollte schon als Kind unbedingt Tänzerin werden. "Weil ich immer froh war, wenn ich tanzen konnte, dann war alles schön, und in der Schule war die Mathematik nicht meine Freundin. Der Tanz ist mein Leben." Sagt sie mit der Zurückhaltung einer Japanerin - leise, mit strahlenden Augen. Ein Mädchen, das seinen Willen durchsetzt, das war früher in Japan nicht die Regel.

Sie ist seit sechs Jahren in Deutschland, hat in Berlin die Ballettschule absolviert, danach mit Erfolg in Schwerin vorgetanzt. Die unterschiedliche Lebensweise zwischen Japan und Deutschland war für sie nur am Anfang schwierig. Sie spricht viel besser Deutsch als sie meint: "nichsso gutt". Sie hat kein Problem mehr mit den Mentalitäten zwischen beiden Welten, versteht, wie man hierzulande denkt und fühlt sich wohl im internationalen Schweriner Ensemble. Ja, sie kocht noch japanisch. "Aber ich esse auch gern Bratwurst." Nao Matsushita ist offenbar in jeder Beziehung angekommen.

Premiere des Tanzstücks "blutrot. schneeweiß. rabenschwarz" am 13. April, 19.30 Uhr

im Großen Haus des Staatstheaters Schwerin

Kartentelefon: (0385) 5300123

oder kasse@theater-schwerin.de

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