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Schauriges Mammutwerk

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svz.de von
erstellt am 15.Apr.2011 | 07:20 Uhr

Hamburg | Plötzlich brauchte niemand mehr die Arbeitskraft der Häftlinge in den Konzentrationslagern. Der Krieg war im Winter 1944/45 verloren, und keiner wusste, was mit den Gefangenen geschehen sollte. In diesem Chaos wurden die Räumungen der Lager zu Todesmärschen, bei denen Hunderttausende starben. Der israelische Historiker Daniel Blatman hat zehn Jahre lang Quellen zu den Todesmärschen in Europa, den USA und Israel ausgewertet und seine Ergebnisse nun in einem monumentalen Werk vorgelegt. Auf 864 Seiten beschreibt er zunächst das ganze Konzentrationslageruniversum und dokumentiert minuziös Räumung um Räumung, Flüchtlingszug um Flüchtlingszug und schließlich Erschießung um Erschießung. Seine akribische Forschung und fundierte Analyse zeigen die verstörenden Vorgänge im zusammenbrechenden Reich .

Besonders schockierend ist, wie der 1953 geborene Historiker die Toten vor die Haustüren der Deutschen legt. Denn die Täter findet er nicht nur bei altgedienten SS-Männern. Zu Mördern wurden auch normale Bürger, Mitglieder des Volkssturms, Polizisten und die Kinder der Hitlerjugend, die "Hasenjagden" in den Wäldern veranstalteten. "Die Mörder waren normale Bürger in anormalen Situationen", schreibt Blatman. Und er liefert eine Erklärung: In der Atmosphäre der Unsicherheit wurden Normalbürger zu Mördern, da sie die KZ-Häftlinge als tatsächliche Bedrohung sahen. Die letzten Morde waren eine entfesselte Gewalt von unten.

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