Scharfer Blick auf die Vergangenheit

<strong>Leipzig </strong><fettakgl>1989</fettakgl>
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Leipzig 1989

svz.de von
10. Juli 2012, 09:51 Uhr

Rostock | Gerade mal etwas länger als 20 Jahre ist es her, dass es die DDR nicht mehr gibt. Und doch droht vieles schon in Vergessenheit zu geraten. Um dem entgegenzuwirken, gibt es Bücher wie den neuen Bildband des 1952 in Warnemünde geborenen und seit 2011 in Langen Brütz lebenden Siegfried Wittenburg. Er erinnert, wie der Fotograf selbst es einmal ausdrückte, an Dinge, die "so bekloppt" waren, dass man sie einfach "festhalten musste". In Wort: Mit kurzweiligen Texten, in denen der Autor mit liebevoll kritischem Blick auf das "Leben in der Utopie" zurückschaut, so der Titel des Bandes. Und natürlich im Bild: Mit lebensnahen Schwarzweißaufnahmen, die dem Fotografen mitunter schon mal ganz schön Ärger einbrachten.

Wie die eindrucksvolle Serie mit Impressionen aus Rostock-Groß Klein. Bei Wittenburgs erster Ausstellungsbeteiligung wurden zwei dieser Fotos im Vorfeld "aussortiert", weil sie nicht dem Bild entsprachen, welches die staatlichen Organisationen von der DDR hatten. Zu sehen waren ein paar Kinder, die im Schlamm spielten. Während die Plattenbauten im Hintergrund fertig und bezogen dastehen, fehlen Wege und Wohnumfeld, das noch nicht entwickelt war. Die allzu kritischen Aufnahmen fielen der Zensur zum Opfer. Wittenburg wurde in der Folge von der Stasi observiert.

Dieses Buch berichtet vom ganz normalen Wahnsinn in der DDR. Wenn Wittenburg erinnert, wie es wegen einer in die Schule mitgebrachten "westlichen Reklametüte" zum Schulverweis kommen konnte. Oder wie die Jungfernfahrt der "Fritz Heckert" wenige Wochen vor dem Mauerbau zum Debakel wurde, weil einige Fahrgäste die Kreuzfahrt nutzten, um über Bord in die Freiheit zu springen. Jahre später sorgte der Kauf des aus dem Westfernsehen bekannten Traumschiffes "Astor" in der DDR für Aufsehen. Umgerüstet zur "Arkona" fuhr es los zur ersten Fahrt Richtung Kuba. An Bord nur "verdienstvolle Genossen". Die das allerdings nicht daran hinderte, sogar die Armaturen zu klauen. Als der Luxusdampfer in Santiago Zwischenstopp machte, soll er ausgesehen haben, als sei er auf See geplündert worden.

Der Wahnsinn geht weiter. Auch das zeigen die sachlichen Fotografien Wittenburgs, die mit dem Mauerfall nicht enden, sondern die Wende bis ins Jahr 1996 dokumentieren. Wenn das Plakat eines Möbelhauses in Rostock mit "Schöner Wohnen" vor dem Abrisshaus wirbt. Oder Neugierige vor dem Beate-Uhse-Sexshop in Wismar auf bessere Zeiten hoffen.

Was die Zukunft bringen wird, ist unbestimmt. Die Vergangenheit aber lässt sich durch Aufnahmen wie die von Siegfried Wittenburg ein wenig schärfer sehen.


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