Neues Buch : Sammeln, forschen, spielen

Schloss-Kindergartengruppe vor dem Schweriner Schloss
Schloss-Kindergartengruppe vor dem Schweriner Schloss

Herzogs- und Parlamentssitz, Museum Kindergarten, Lazarett: die wechselvolle Nutzungsgeschichte des Schweriner Schlosses wird erstmals in einem Buch zusammengefasst

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13. Dezember 2013, 00:35 Uhr

Seit 1990 prägen der Landtag und das Museum das Schweriner Schloss. Nach dem verheerenden Brand im Dezember 1913 wurde in der früheren herzoglichen Residenz allerdings nicht nur Politik gemacht. Es wurde gelernt, gelehrt, geforscht und musiziert. Es wurde gebetet, gelitten, gestempelt und gesammelt. Natürlich nicht alles zur selben Zeit und von sehr unterschiedlichen Menschen. Zum ersten Mal hat der Landtag diese wechselvolle Nutzungs-Geschichte seines Sitzes in einem Buch zusammengefasst. Heute wird es vorgestellt.

Noch heute erinnert sich Friedrich Wilhelm Junge an die Quarkspeise. Die gab es oft in seinem Kindergarten im Schloss und er hat sie „mit viel Vergnügen gegessen“. Der Spielplatz mit dem Klettergerüst lag gleich vor den Fenstern auf der zackigen Bastion an der Ecke zum Schlossgarten und zum Burgsee hin. Auch im Schlosshof konnten die Lütten spielen. Die Jungen erklommen gern die beiden alten Kanonen, die vor der Obotritentreppe postiert waren. Dass sein späterer Schauspielerkollege Volkmar Kleinert ebenfalls in den Schloss-Kindergarten ging, hat Junge, der längst in Dresden lebt, erst Jahre später erfahren. Junges Eltern betrieben die „Theaterklause“ in der Schweriner Altstadt, Kleinerts Mutter sang am Theater.

Seit 1939 betrieb die NS-Volkswohlfahrt den Kindergarten im Schloss. Er sollte die Kinder der Frauen aufnehmen, die in „wehrwichtigen Betriebe“ arbeiten mussten. 1944 wurde der Kindergarten geschlossen und ist seitdem weitgehend in Vergessenheit geraten – anders als die „Schlossgeister“, wie die fast Frauen genannt wurden, die zwischen 1952 und 1981 im Schloss lebten und in der Pädagogischen Schule zu Kita-Erzieherinnen ausgebildet wurden.

Auch das Polytechnische Museum mit seinen technischen Modellen hat bei vielen Besuchern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bereits 1921 eröffnete das erste Schlossmuseum und präsentierte, was die Herzöge gesammelt hatten: Porzellan, Fächer, Münzen, Gemälde, aber auch Hofuniformen und alte Waffen. Die Besucher mussten Filzpantoffeln überziehen, um das Parkett zu schonen. Nicht zufrieden war Museumsdirektor Josephi mit den Schulklassen. „Es fällt geradezu auf, wenn einmal ein Lehrer den Kindern etwas nett erklärt. In den allermeisten Fällen handelt es sich nur um ein stumpfsinniges Durchführen“, berichtete er.

In den 1930er-Jahren musste Josephi das Schloss mit einem Hygienemuseum teilen. Es sollte die Besucher über eine gesunde Lebensweise und über Krankheiten aufklären. Der Raum zu den Geschlechtskrankheiten lag abseits des Rundgangs, um das Schamgefühl empfindlicher Zeitgenossen nicht zu verletzen. Die Idee der Hygiene-Ausstellungen stammte aus den 1920er Jahren. Wie weit die Nazis sie – wie in Dresden – auch in Schwerin für ihre Rassenideologie missbrauchten, ist nicht bekannt. Unterm Dach füllten indes Trachten und Gerätschaften, die der Heimatforscher Richard Wossidlo zusammengetragen hatte, die Räume eines Bauernmuseums – Vorgänger des Volkskundemuseums in Schwerin-Mueß. Für die Vorgeschichtliche Sammlung der Archäologen wurde der Burgseeflügel ausgebaut. Im heutigen Plenarsaal standen Vitrinen voller Altertümer. Ab den 1960er-Jahren forschten die Archäologen im Burgseeflügel.

Kaum Spuren hat das Lazarett in den Archiven hinterlassen. Im Herbst 1944 eingerichtet, weitete es sich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs über große Teile des Schlosses aus. Die Schlosskirchengemeinde wurde angewiesen, bei Luftalarm während eines Gottesdienstes nach Hause zu gehen. Die Luftschutzkeller wurden für die verwundeten Soldaten gebraucht.

Als die Sowjetische Militäradministration das Schloss 1947 an die Landesregierung zurückgab, wurde es 1947 zum Multifunktionsgebäude umfunktioniert. Volksbildungsminister Grünbaum schlug in der herzoglichen Bibliothek seine Zelte auf und versuchte, neue Lehrer und Professoren für das zerstörte Land auszubilden. Die im sozialistischen Staat so wichtige Abteilung Planung zog ebenfalls ins Schloss. Im Rittersaal ratterte die Hollerithmaschine, die von den 150 Mitarbeitern des Statistischen Landesamtes mit Lochkarten gefüttert wurde. Der Generalstaatsanwalt verfolgte Nazi-Verbrecher und angebliche Bodenreform-Boykotteure, während im Burgseeflügel von 1949 bis 1952 der Landtag tagte.

Seit den 1970er-Jahren wurde das Schloss wieder museal und musikalisch. 1974 wurden die ersten sanierten Prunkräume fürs Publikum geöffnet. Das Staatliche Sinfonieorchester bekam den neuen Festsaal als Konzertstätte und die Musiker Probenräume und Garderoben mit Blick auf den See. Als letztes zog vor der Wiedervereinigung die Außenstelle der Musikhochschule „Hanns Eisler“ ins Schloss. 70 Studenten konnten Gesang und fast jedes Instrument studieren – außer Harfe. Die Hochschule war auch der erste Schlossnutzer, der 1990 wieder ausziehen musste. Der neue Landtag brauchte Platz. Seit dem wird in der Kirche des Schlosses gebetet, das Museum ist der historischen Kunst gewidmet und im Landtag wird Politik gemacht.






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