Künstler zeigen Aufnahmen ihrer Bilderreise in Schwerin : Säulen nach Athen tragen

<fettakgl>Im Rücken der Ikonen: Auch das Marx-Engels-Denkmal</fettakgl> in Berlin bezogen die Künstler Wolfram Kastner und  Christian Lehsten in ihre 'Säulenwanderung' ein.  <fotos>Christian Lehsten</fotos>
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Im Rücken der Ikonen: Auch das Marx-Engels-Denkmal in Berlin bezogen die Künstler Wolfram Kastner und Christian Lehsten in ihre "Säulenwanderung" ein. Christian Lehsten

Der Fotograf Christian Lehsten und der Aktionskünstler Wolfram Kastner wandern mit einer 1,67 Meter großen Säule quer durch Deutschland. 52 Fotos, die diese Wanderung dokumentieren, sind jetzt in Schwerin zu sehen.

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26. März 2013, 10:54 Uhr

Schwerin | Einmal wollen sie Säulen nach Athen tragen. Oder besser gesagt: ihre Säule. 1,67 Meter groß, dorisch, aus Kunststoff. Seit 2000 wandern der Aktionskünstler Wolfram Kastner aus München und der Fotograf Christian Lehsten aus Rothen bei Sternberg mit dieser Säule durch Deutschland. Sie stand vor dem Reichstag und am Brandenburger Tor, wurde in Bayern von Schweinen zu Fall gebracht und lernte in Mecklenburg das Fliegen. 52 Fotos, die diese Säulenwanderung dokumentieren, sind jetzt in einer Ausstellung im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus zu sehen.

"Die Säule ist immer sichtbar. Sie enthüllt sich selbst, nein, sie ist ihre eigene Enthüllung, die aber nichts preisgibt von sich. Sie ist einfach: da", schreibt die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einem Begleittext zur Säulenwanderung. Es ist dieses Da-Sein, durch das eine Menge preisgegeben wird. Die Säule als Symbol von Kraft, Stärke und Macht wird auf der künstlerischen Entdeckungsreise zur Messlatte und zum Ausrufezeichen, das Fragen provoziert.

Mit ihrer Höhe von 1,67 Meter ist die Säule so groß wie ein durchschnittlicher Mensch. Das ist winzig, wenn "Colonna dorica" zwischen den ehrfurchtgebietenden Säulen des Brandenburger Tors steht. Und es ist riesig, wenn sie im Vordergrund des Hamburger Bismarckdenkmals das Monument überragt.

Was zeigt, dass alles im Leben eine Frage der Perspektive ist. "Oft werde ich gefragt, ob ich die Säule im Nachhinein in die Bilder kopiert habe", sagt Christian Lehsten. "Und ich antworte immer das Gleiche: Es ist alles echt." Das Gleiche gilt für die Orte, die das Duo Kastner/Lehsten so nimmt, wie es sie vorfindet. Es ist die Säule, die sie verändert. Wenn sie am Berliner Marx-Engels-Denkmal nicht aufrecht steht, sondern hinter der Skulptur lehnt und zeigt, dass hier jemand vom Sockel gestoßen wurde. Oder sich in die Säulenreihe des Kulturhauses Mestlin fügt, das pompöser als ein Gutshaus ist - obwohl es doch eigentlich die Kunst für alle Werktätigen im sozialistischen Musterdorf vom Sockel holen sollte.

Es sind nicht nur Fotos, sondern auch Geschichten, die Kastner und Lehsten am Rande des Weges gesammelt haben. "Als wir die Säule vor dem Reichstag fotografierten, kam ein Wachmann auf uns zu, dem wir verdächtig waren", erinnert sich Lehsten. "Ich sagte ihm, was wir tun und fügte hinzu, dass der Platz vor dem Reichstag ein öffentlicher Raum sei. Und dass an dem Gebäude sogar die Worte: Dem deutschen Volke stünden." Daraufhin habe ihn der Wachmann verbessert: "Nee, nee, det is dem Deutschen Bundestag!" Gern erinnert sich der Fotograf auch an den Fototermin im Pissoir des Augustiner-Kellers in München. Die Kellnerin, die sich mit der Verantwortung für das Tun der beiden Künstler überfordert sah, fragte sicherheitshalber telefonisch beim Geschäftsführer nach: "Hier sind zwei Männer, die wollen mit einer Säule aufs Klo."

Und die Säule wandert weiter, kratzt hier an einem Image, stürzt da einen Helden, mahnt, pointiert und beflügelt. Das Grundelement der Architektur wird so zum Zeigefinger, der auf starke und schwache Stellen im Gebäude der menschlichen Gesellschaft deutet.

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