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Kultur : Ritterschlag für provokante Schweriner

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Theatergruppe des Goethe-Gymnasiums tritt beim Jugend-Theatertreffen in Berlin auf

Hand in Hand stehen Hitler und der blutüberströmte Jesus auf der Bühne – eine gefühlte Ewigkeit. Dann gehen die Scheinwerfer flackernd aus. Das Gros des Publikum applaudiert begeistert, andere schauen etwas verwirrt. Ein Mann mit Krücken steht vor der Bühne, er sieht empört aus und versucht der Menge etwas zuzurufen. Doch sie kann ihn nicht verstehen. Der tosende Applaus übertönt ihn.

Das Theaterstück „Freiheit und Demokratie, du Wichser“, versteht sich als Ansage und polarisiert selbst im weltoffenen Berlin. Doch genau das wollte die Schweriner Theatergruppe „Taggs“ mit ihrem Stück erreichen, und es ist ihr gelungen.

„Es muss nicht jedem gefallen“, meint Paula Brenne (17) fünf Stunden vor der Aufführung. Noch wäre sie nicht aufgeregt. Das würde sich aber sicher bald ändern. Immerhin spielt sie an diesem Abend auf den Brettern des Hauses der Berliner Festspiele in der Hauptstadt vor 350 Zuschauern.

„Taggs“ mit ihrem Stück, das in Kooperation mit dem Mecklenburgischen Staatstheater entstand, ist eine von acht Gruppen, die während des 35. Theatertreffens der Jugend auftreten. Ein Ritterschlag für die Schüler: 123 Jugend-Ensembles aus ganz Deutschland hatten sich für diese Aufführung beworben. Ausgewählt wurden jedoch nur Gruppen, die etwas zu sagen haben, erzählt die Leiterin der Bundeswettbewerbe der Berliner Festspiele, Dr. Christina Schulz: „Die ,Taggs‘-Gruppe ist uns nicht fremd. Fünf Mal hat sie schon an diesem Festival teilgenommen. Es herrscht eine gute, fruchtbringende Theatertradition an dieser Schule. Wir sind immer wieder gespannt, was aus Schwerin eingereicht wird“, so Schulz. Und was denkt sie über den Beitrag „Freiheit und Demokratie, du Wichser“? „Es ist ein sehr radikales Stück, was einen bleibenden Eindruck hinterlässt.“

Mit dem Auftritt ist für die „Taggsler“ das Festival längst noch nicht zu Ende. Workshops und Diskussionsrunden bieten zahlreiche Gelegenheiten, Gespräche über das Schreiben, Spielen und Inszenieren in entspannter Atmosphäre zu führen und andere Kunstbereiche kennen zu lernen.

„Das ist total aufregend. Die anderen spielen Theater wie wir auch und da hat man gleich ein Thema“, erzählt Charlotte Schön (17).

Die Festspiele strukturieren sich erstmals in drei Schwerpunktbereiche: Im Segment „Bühne“ präsentieren die Ensembles ihre Produktionen vor Publikum.

Im „Campus“ arbeiten die Jugendlichen mit Theaterexperten zu unterschiedlichen Themen der Bühnenwelt. Außerdem bietet das „Forum“ ein praxisorientiertes Fortbildungsprogramm für Praktiker und Studierende.

Eines stand für die „Taggsler“ schon vor dem Festival fest. Das Theaterstück hat sie verändert. „Es ist jetzt nicht so, dass wir alle bessere Menschen geworden sind“, meint Paula.

„Nein“, ergänzt Charlotte: „Aber man achtet mehr darauf, wie das Leben läuft. Wir sind kritischer und abgeklärter geworden und irgendwie auch reifer.“

Themen wie Werte und Moral stehen im Mittelpunkt ihres Stücks. Die Schüler wählten dazu passende Texte aus, schrieben selbst weitere hinzu. An ihrer Seite hatten die Jugendlichen dabei Lehrerin Anne Holz, die Chefin der „Taggsler“, sowie Schauspieler Bernhard Meindl, der Regie führte.

Ob das Stück nochmals in Schwerin gezeigt wird, steht nicht fest. Von den 13 Darstellern stehen viele kurz vor den schriftlichen Prüfungen. Doch andere Stücke werden folgen.

 

„Taggs“ mit Tradition

Das „Taggs“ ist eine Schultheatergruppe, die seit 23 Jahren am Goethe-Gymnasium in Schwerin besteht. Sie versteht sich als Ensemble, auch wenn es in jedem Schuljahr unterschiedliche Projekte und daher unterschiedlich  zusammengesetzte Gruppen gibt, die meist jahrgangsübergreifend arbeiten. Als Grundlage für die Arbeit an den Projekten gibt es Unterricht im Darstellenden Spiel. Die Produktion „Freiheit und Demokratie, du Wichser“ wurde durch dieses Fundament möglich. Die Spieler sind meist mehrere Jahre im „Taggs“.

 


 

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erstellt am 05.Jun.2014 | 12:00 Uhr

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