Realistischer Romantiker

 <strong>Kurt Masur mit seiner Frau</strong>, der Sopranistin Tomoko Masur, im Garten seiner Leipziger Wohnung<foto>dpa</foto>
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Kurt Masur mit seiner Frau, der Sopranistin Tomoko Masur, im Garten seiner Leipziger Wohnungdpa

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17. Juli 2012, 07:08 Uhr

Schwerin | Zum Probedirigat, zweiter Akt "Der Rosenkavalier", kam er nach Schwerin an einem müden Tag, da Orchester und Sänger wenig motiviert waren. Der 30-Jährige riss sie hoch an jenem 2. Januar 1958. "Bei dem werden wir nichts zu lachen haben, aber der kann was", waren sich die Musiker einig.

Dann folgten am Mecklenburgischen Staatstheater zwei Jahre mit opulentem Opernspielplan und Konzerten, bei denen auch die Stehplätze im dritten Rang gefragt waren. Zuletzt schrieb ein Kritiker: "Schwer machte Masur den Hörern den Abschied . . . und auch dem Gefeierten selbst wurde die Trennung sichtlich schwer."

Danach begann seine Weltkarriere, die ihn von Berlin nach Dresden, 27 Jahre als Kapellmeister ans Leipziger Gewandhaus und von dort um den Erdball bis nach Japan und in die USA ans Pult von Spitzenorchestern geführt hat.

Die New Yorker Philharmoniker hat er zurückgeholt in die oberste Liga, sie verliehen ihm nach elf Jahren als Chef - "die Krönung meines Lebens" - den "Music Director Emeritus", eine Ehre, die zuvor nur Leonard Bernstein zuteil-wurde. Es war auch Auszeichnung, dass Bernstein, Karajan und Celibidache mit ihren Orchestern zu seinen Gewandhaus-Festtagen kamen.

Und heute feiert Kurt Masur seinen 85. Geburtstag. Er ist beim Tanglewood-Festival, das sein 75. Jubiläum begeht, und dort wird er am Sonnabend Mozarts Linzer Sinfonie mit dem Boston Symphony Orchestra dirigieren, "ein Heimspiel", wie er scherzt. Dieses Konzert, bei dem sein Sohn Ken David zu Beginn die "Kleine Nachtmusik" dirigiert, ist für Masur ein Neustart. Nach einem Sturz vom Podium im April in Paris, bei dem er sich eine Schulterfraktur zuzog, ist er eigentlich noch Rekonvaleszent. Doch seine Familie weiß: "Masur ist nur Masur, wenn er aktiv sein kann." Zwischenruf seiner Frau Tomoko: "Drückt die Daumen!" Im September dann will er einen Meisterkurs beim Usedomer Festival geben.

Was erinnert ihn noch an Schwerin? Vor seinem Abflug in die zweite Heimat New York sagt er am Telefon: "Es war ein entscheidender Schritt, meine erste Chefstelle, was weit mehr an Verantwortung erforderte als nur dirigieren. Auch privat war es ein Wendepunkt, ich lernte meine zweite Frau kennen, eine Liebe, die tragisch endete, das hat mich Demut gelehrt."

Trotz glänzender Erfolge und ungezählter Ehrungen hat Masur kein Glamour-Leben geführt, ist auch durch Konflikte und Krisen gegangen. Tochter Carolin, die Sängerin, fragt sich, woher er seine unglaubliche Energie nimmt, Sohn Ken hat ihn den "letzten Romantiker" genannt. Der Maestro hat einmal gesagt: "Wenn wir nicht träumen, sondern zuerst fragen, woher das Geld zur Verwirklichung der Träume kommt, dann werden wir verlieren." Er hat viel gewonnen als realistischer Romantiker. Sein Kraftquell ist die Musik als Element der Humanität. Das war auch 1989 beim Aufbruch in Leipzig so.

Er kommt aus einer Tradition, die dem Geist des Komponisten dient, Tradition, die im Sinne von Gustav Mahler "nicht die Asche anbetet", sondern "das Feuer weitergibt". Er steht nicht dafür, sich selbst in einem Werk zu spiegeln. Ihm fehlt die modische Star-Attitüde. Daher haben nach der Wende einzelne westdeutsche Kritiker unterschätzt, was strenge amerikanische an ihm gelobt haben. Als er im vorigen Jahr in Chicago dirigierte, hieß es "triumphal", in Cleveland "wunderbar", in Los Angeles "voller Ausdruckskraft", in San Francisco "superb differenziert" und in Boston "wir warten mit Vergnügen auf seine Rückkehr".

Masurs Laufbahn ist nicht medial gepusht worden, er hat sie sich als expressiver Bekenner zur musikalischen Botschaft erarbeitet. Er probiert ein Werk so, dass die Musik am Abend wie im Nu durch Inspiration entstehen kann. Das ist sein archimedischer Punkt, von dem aus er Musiker wie Publikum mitreißt.

Was wünscht sich Kurt Masur zum Geburtstag? "Dass meine Familie gesund bleibt, dass ich noch immer Freude bereiten kann durch Musik, dass in Deutschland die Kultur ihre Rolle als Mittel zum Leben bewahren kann."

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