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Quicklebendiges Fernseh-Fossil

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erstellt am 24.Jun.2011 | 05:32 Uhr

Rostock/Potsdam | Wenn am Sonntag Maria Simon in "Die verlorene Tochter" ihren Dienst als "Hauptkommissarin Olga Lenski" antritt, um künftig gemeinsam mit dem skurrilen Dorfpolizisten Krause im Brandenburger "Polizeiruf 110" zu ermitteln, ist es fast auf den Tag genau 40 Jahre her, das die Krimi-Reihe erstmals auf Sendung ging.

Am 27. Juni 1971 ermittelten Oberleutnant Peter Fuchs (Peter Borgelt) und Genossen in "Der Fall Lisa Murnau" zum ersten Mal im DDR-Fernsehen. Auslöser für das "Polizeiruf"-Projekt war der Erfolg eines West-Krimis: "Es war die Absicht, einen sozialistischen Gegenwartskriminalfilm zu schaffen als Kontrapunkt und als Kontraprodukt gegenüber dem Tatort", sagt Dramaturg und Autor Eberhard Görner.

Heute ist die Krimireihe eines der wenigen Formate, das nach 1990 den Sprung in die ARD geschafft hat - und dort sogar auf den prominenten Sonntagabendplatz, dem "Tatort" ebenbürtig. Die Sender BR, MDR, NDR und RBB produzieren mit neuen Ermittlerteams und Schauplätzen. Zeitweise waren auch der Süddeutsche Rundfunk, der WDR und der Hessische Rundfunk dabei.

40 Jahre - ein echtes Fernseh-Fossil. Aber ein sehr lebendiges, sozusagen der Quastenflosser unter den Fernsehkrimis. Inzwischen gingen mehr als 319 Folgen der Reihe über den Sender. Vital ist das Format immer noch, die innovativen NDR-Folgen vom dem neuen Schauplatz Rostock mit dem Team Bukow/König (Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau) haben es bewiesen.

Aber auch der alte "Polizeiruf" hat seinen Reiz nicht verloren. Er erzählt oft mehr über das Leben in der DDR als viele Fachbücher und Leitartikel, zeigt in seienr Machart das Spannungsfeld von gerade möglicher Kritik und der nie zur Diskussion stehenden, aber immer anders verlaufenden Grenze des Erlaubten. Denn natürlich stand die Serie unter Aufsicht: Aufpasser vom DDR-Innenministerium überwachten die Dreharbeiten und das Bild, das die Fernseh-Ermittler als sozialistische Ordnungshüter abgaben. Manche Folgen wurden kassiert. Aber in keiner anderen DDR-Fernsehserie wurden so oft Misstände angesprochen. Täter waren im DDR-"Polizeiruf" allerdings oft Menschen, die anders waren als der durchschnittliche DDR-Bürger: Gestrauchelte, Trinker, Diebe, Egoisten. Und natürlich ereilte die Täter stets die Strafe und alle Kritiker das sozialistisch gefestigte Gegenargument.

Aber längst gibt es mehr Nachwende-Folgen als DDR-Polizeirufe. Die Serie ist längst ein Klassiker. Auch Unterhaltung, ja. Und damals manchmal an der Grenze zur Propaganda, heute hin und wieder flache Krimi-Konfektion. Aber ein Klassiker.

TV-Tipp: „Die verlorene Tochter“ Jubiläums-„Polizeiruf“ am Sonntag (26. Juni) um 20.15 Uhr im Ersten

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