Ausstellung zum Erinnern : Psychiatrie, Kaserne, Kunstort

Im Haus „Männer 1“ der einstigen Landesirrenanstalt zeigt Vereinsmitglied Olaf Ritzow verschiedene Utensilien aus der Zeit der sowjetischen Armee
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Im Haus „Männer 1“ der einstigen Landesirrenanstalt zeigt Vereinsmitglied Olaf Ritzow verschiedene Utensilien aus der Zeit der sowjetischen Armee

In der einstigen Landesirrenanstalt Domjüch bei Neustrelitz haben Künstler zehn Räume gestaltet

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19. August 2015, 21:00 Uhr

Leise plätschern Wellen vom See ans Ufer, Vögel zwitschern von alten Bäumen und mehr als 100-jährige Gebäude verbreiten südlich von Neustrelitz einen morbiden Charme. „Wer Geschichte nicht bewahrt, muss sie vielleicht nochmal durchleben“, sagt Christel Lau, die Vorsitzende des Vereins zum Erhalt der einstigen Landesirrenanstalt Domjüch. Und das abgelegene Areal am Domjüchsee hat eine bewegte Geschichte: Psychiatrie und Krankenhaus, Euthanasietod und auch Rettung in der NS-Zeit, russische Besetzung und langer Leerstand.

Bei seiner Arbeit bekommt der Verein jetzt Hilfe vom Bund und von Künstlern. Unter dem Motto „Die Kunst des Erinnerns“ wird morgen eine neue Dauerausstellung eröffnet. Neun Künstler haben mit sehr streitbaren Arbeiten zehn Räume gestaltet.

„Das ist ein unglaublich authentischer Ort“, findet Miro Zahra, die Kuratorin der Schau und Leiterin des Künstlerhauses Plüschow. Zahra hat die Künstler ausgewählt, sich mit ihnen auf der Domjüch getroffen und Ideen entwickelt.

Die einstige Landesirrenanstalt, vergleichbar mit Häusern wie Sachsenberg in Schwerin und Gehlsdorf in Rostock, hat eine lange Geschichte. Sie wurde 1902 für etwa 200 Patienten im Reformgeist der neuen Psychiatriebewegung gegründet. Viele Patienten konnten durch Neustrelitzer Ärzte in der NS-Zeit vor dem Vergasen bewahrt werden. 1945 besetzte die Rote Armee das Gelände, rund 20 Gebäude wurden neu errichtet. Was die Militärs hier trieben, war geheim.

Nach 1990 wurden die Armeebauten abgerissen, mehrere Versuche der Privatisierung scheiterten. 2009 bekam die Ingenieurfirma von Lau das Anwesen, das seit 2010 der Verein mit nun 100 Mitgliedern bewirtschaftet. „Immer sonntags wird zu Kaffee und Kuchen geladen, bis zu 80 Veranstaltungen im Jahr gibt es“, sagt Lau. Kamen erst 3000 Gäste jährlich, sind es jetzt 10 000 Besucher. Sie können alle Gebäude besichtigen, in denen nach 1990 auch Plünderer ihre Spuren hinterließen oder eine Rotarmistenpuppe an die Besetzer erinnert. Etwa 250 000 Euro wurden bereits in Dächer und die Kapelle investiert. „Der Gesamtsanierungsbedarf  wird  auf  50 Millionen Euro geschätzt“, sagt die Bauingenieurin Lau. „Das Engagement des Vereins hat die Künstler inspiriert“, sagt Zahra.

Ruzica Zajec hat Tischtennisbälle zu einem Werk geformt, bei denen einige eingedrückt verarbeitet wurden. „Die Realität holt uns zurück in den Innenraum“, schreibt Kerstin Borchardt zu ihrer „Schaukel über einem Spiegelfeld“. „Es ist von außen nicht sichtbar, was Menschen im Inneren ausmacht“, erklärt die Neubrandenburger Künstlerin Rico zu ihren Arbeiten, die an menschliche Hüllen erinnern.

Das fluoreszierende Licht in einem dunklen Raum von Rainer Viltz hat es der Vereinsvorsitzenden angetan. „Es soll ein Gefühl sein, als wenn man die Seele eines Menschen betritt“, schildert Zahra.

Der Verein will die denkmalgeschützte Domjüch bewahren. „Wichtig ist, dass überhaupt jemand etwas anfängt“, erklärt Lau. Als Eigentümer der Flächen muss das Ingenieurbüro aber auch auf Kosten achten. So sollen im nicht bebauten Nordteil Häuser auf 76 Grundstücken entstehen. Interesse gebe es. „Wir müssen dafür sorgen, das Leben in der Nähe ist“, so Lau. Vandalismus sei noch immer das größte Problem.

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