"Pop ist meist gecastete Industriemusik"

<fettakgl>Pianist Martin Stadtfeld </fettakgl>kommt bei den Festspielen MV nach Schwerin. <foto />
Pianist Martin Stadtfeld kommt bei den Festspielen MV nach Schwerin.

svz.de von
21. Juni 2012, 10:43 Uhr

Schwerin | Erfolg kann auch eine Last sein. Als Martin Stadtfeld 2002 als erster deutscher Pianist den Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig gewann, schwärmten Kritiker von einem neuen Glenn Gould. Längst hat der gebürtige Koblenzer sich auch mit Rachmaninow oder Beethoven auseinandergesetzt, doch der Name des mittlerweile 31-Jährigen steht noch immer für Bach-Interpretationen. Nun kommt Stadtfeld am 23. Juni mit der "Kammerphilharmonie Amadé" nach Schwerin zu den Festspielen MV. Christoph Forsthoff hat ihn getroffen.

In Schwerin spielen Sie Mozart. Dennoch werden Sie von Konzertveranstaltern bevorzugt mit Bach gebucht, wie groß ist denn da Ihre Entscheidungsfreiheit?

Stadtfeld: Natürlich freuen sich die Veranstalter, wenn ich etwa im Klavierrecital auch ein Stück von Bach spiele. Aber auch mir fehlt eigentlich etwas, wenn kein Stück von Bach dabei ist, und sei es die Zugabe. Bach ist für mich der Ausgangspunkt für alle Musik, die danach kommt, bei jedem Komponisten gibt es einen Bezug zu Bach.

Gleichzeitig attestierten Sie Bach, seine Musik habe für Sie "fast etwas Gottähnliches" - Musik als Religionsersatz?

Wenn Bachs Musik eine Religion ist, dann eine, die vermittelt, was im Menschen vorgeht und diesen mit seinen Gefühlen aufnimmt. Und die Verschmelzung dieser beiden eigentlich entgegengesetzten Ebenen ist bei Bach so einzigartig: einerseits die Religiosität, Erhabenheit und Spiritualität. Andererseits ist jede Note zutiefst menschlich. Religion ist ja eine Form von Sinnsuche, versucht Trost zu spenden und drängende Fragen zu beantworten. Und all dies finde ich auch sehr stark in der Musik von Bach: Ein Orientierungspunkt, der die Dinge geraderückt.

Diesen Orientierungspunkt versuchen Sie seit einigen Jahren auch verstärkt bei Schulbesuchen an Kinder und Jugendliche weiterzugeben - auf welche Grenzen stoßen Sie dabei?

Bei mir hat sich der Eindruck verfestigt, dass in puncto Musikunterricht an den Schulen viel zu wenig oder sogar gar nichts mehr passiert. Das finde ich persönlich bedrückend, aber auch aus gesellschaftlicher Sicht problematisch, denn wir sind auf dem besten Wege, dass das Gerede von unserem kulturellen Erbe oder dem Land der Dichter und Denker eines Tages nur noch Worthülsen ohne Inhalte sein könnten.

Woran liegt das?

An einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Geringschätzung seitens der verantwortlichen Politiker. Jeder Mensch, zu dessen Leben die Musik gehört, weiß, was diese bedeutet - wem sie indes vollkommen fremd ist, kann diese Bedeutung natürlich noch nicht einmal ahnen und wird auch keinen Wert darauf legen, dass Musik ein wesentlicher Teil der Kinder- und Jugenderziehung ist.

Klingt nach einer düsteren Perspektive für die Klassik, die Sie da eröffnen…

…man muss Optimist bleiben und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten die Vermittlung weitertreiben. Sei es nun im Konzert oder hin und wieder auch in der Begegnung mit Jugendlichen - mir bereitet Letzteres sehr viel Freude und ich bekomme dabei auch sehr viel zurück.

Weniger skeptische Menschen halten dem entgegen, diese Abkehr von der Klassik sei nicht so dramatisch, denn heute gebe es die Rock- und die Popmusik und die sei eben die Musik unserer Zeit.

Sicher geht es letztlich darum, was Musik dem Einzelnen vermittelt. Andererseits haben wir es etwa bei Beethoven mit einer großen, tief empfindenden Persönlichkeit zu tun, die zwar einerseits ihre Seele in ihrer Musik spiegelt, zugleich aber dies in ein Meisterwerk bringt. Und diese Verschmelzung von individuell empfundener Emotion und Form, dieses Ringen mit den Ideen macht doch erst das Meisterwerk aus.

Auch Popkünstler nehmen für sich in Anspruch, ihre Seele in ihrer Musik offenzulegen.

Der überwiegende Teil der heutigen Popularmusik ist eher eine gecastete Musik, eine Industriemusik, die einfach nur darauf abzielt, den vermeintlichen Massengeschmack zu treffen. Ohne Frage gibt es da Ausnahmen, aber das Gros ist dahingehend konzipiert und nicht von großen Persönlichkeiten, die sich mit ihrer Musik entäußern - das ist schon ein gewaltiger Unterschied.

Kann man Klassik nicht einfach auch genießen?

Natürlich ist die Frage, was man möchte: Geht es nur noch darum, dass die Klassik in Scheibchen geschnitten und als "Ist doch auch ganz nett" präsentiert wird? Oder geht es um die Vermittlung dessen, was diese Musik ausmacht: ihre Größe und das, was sie in einem auslösen kann? Dafür aber muss man sich ihr hingeben und kann dies nicht im Vorbeigehen mitnehmen.

Und Letzteres möchten Sie vermitteln.

Das ist mir ein Anliegen - aber es ist natürlich auch viel schwieriger als zu sagen: Hey, ist doch alles total sexy. Es gibt Dinge, die mir heilig sind und nicht für etwas missbraucht werden dürfen - und die Musik ist mir ein Stück weit heilig. Ich bin ihr dankbar, dass es sie gibt und lasse sie daher auch nicht zerfleddern für Anbiederungen. Nein, Klassik ist nicht sexy. Klassik ist tiefgründig und wunderbar und erhaben. Und das ist das, was die Menschen brauchen - sexy haben wir schon genug.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen