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NDR-Dokumentation : Poesiealbum voller Geschichten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dreiteilige NDR-Dokumentation führt Menschen zusammen, die sich Jahrzehnte nicht gesehen haben

svz.de von
erstellt am 28.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Jeannette lebt in Bobitz, einem Dorf in der Nähe von Wismar. Die drahtige 44-Jährige ist gern auf den Feldern der Umgebung unterwegs, sie joggt, hält sich fit. Was nicht viele Menschen wissen: Jeannette war einmal Leistungsschwimmerin. Damals, in der DDR. Sie gewann eine Medaille nach der anderen. Aber ihre Karriere endete jäh.

Jetzt taucht sie noch einmal ab in die Vergangenheit. Und sie lässt sich dabei filmen. „Vergissmeinnicht“ heißt eine dreiteilige Dokumentation des NDR Fernsehens, deren erster Teil heute Abend ausgestrahlt wird. „Wie Freunde aus dem Poesiealbum sich wiederfinden“ lautet der Untertitel.

Poesiealbum? Ist das nicht nur etwas für kleine Mädchen? „Ganz und gar nicht“, sagt Wiebke Possehl. Die Rostockerin ist Produzentin der Firma Populärfilm und von Anfang bis Ende mit dem Poesie-Projekt vertraut. „Die kleinen Büchlein sind viel mehr als bloße Erinnerungsstücke, sie sind Spiegel der jeweiligen Zeit und kleine Archive für unglaubliche Geschichten“, sagt sie.

So wie die von Jeannette. Ihre Sportkarriere begann in Weimar. Alte Fotos zeigen ein dunkelhäutiges Mädchen mit krausem Haar. Ihr Vater stammt aus dem Kongo. Er studierte in den 70ern in der DDR und tat etwas, das er nicht durfte: Er verliebte sich in eine deutsche Frau. Die beiden bekommen ein Kind, wollen heiraten. Aber dann wird der Vater unter einem Vorwand nach Jugoslawien geschickt und kehrt nicht wieder zurück. Jeannette und ihre Mutter ziehen nach Mecklenburg. Jeannettes Schwimmkarriere ist beendet.

Das Poesiealbum von Jeanette hat noch ein paar leere Seiten. Auf einer steht rechts oben: Peter Z. „Könnte Peter Zielke sein“, mutmaßt Jeannette. Sie findet Peter Zielke in Großbritannien, wo er ein Hotel leitet. Die beiden verabreden sich. Auch Peters Schwimmkarriere endete abrupt. Peter war auf geradem Wege in die Olympia-Auswahl. Da stellten die DDR-Oberen die Familie vor die Wahl: Entweder sie brechen den Kontakt zu den Westverwandten ab – oder Peter darf nicht mehr schwimmen. Die Familie entscheidet sich für die Tante in Ratingen, Nordrhein-Westfalen. „Ich bin in ein tiefes Loch gefallen“, erinnert sich Peter.

Poesiealben sind auch ein Dokumente der Freundschaft, letztlich auch des Verlustes, sagt Wiebke Possehl. Denn so heiter und bunt die Sprüche und Bildchen sind: Die allermeisten Freunde von damals sind verschwunden, der Kontakt ist abgebrochen. Und so zeichnet die NDR-Doku vor allem die Suche – und dann das Finden der einstigen Freunde nach.

Da ist zum Beispiel Hartmut Enstipp aus Friedland in Mecklenburg, der in Teil zwei seinen alten Kumpel Andreas wiederfinden will: Beide verbrachten mehrere Jahre zusammen im Kinderheim, Andreas war Hartmuts Beschützer. Oder Antje Borkowska aus Grimmen erzählt in Teil drei aus ihrer Zeit im Ferienlager von Prerow. Dort traf sie den zwölfjährigen Martin – aus Dänemark. 39 Jahre später treffen sie sich wieder.

Die Arbeiten an den Filmen begannen im vergangenen Sommer. In ganz Norddeutschland hatten NDR und Populärfilm nach Menschen mit Poesiealben gesucht. „Die Resonanz war überragend“, erzählt Wiebke Possehl. Manche verlief im Sande, aber die Geschichten der drei Filme haben es in sich. Zwei Protagonisten kamen aus Amerika zurück in ihre alte Heimat, ein Paar reiste aus Schweden an. Irmgard Melzer aus Schwerin wiederum besuchte Oksboel in Dänemark. Dort lebte sie nach dem Krieg in einem Flüchtlingslager. Elke Loosekamm aus Hamburg zum Beispiel präsentiert stolz die Unterschrift von der persischen Kaiserin Soraya, die 1955 in der Hansestadt residierte.

Für die Produktion wurden neue Wege beschritten: Komplex war nicht nur die parallele Arbeit mehrerer Teams (Regie: Heike Nikolaus und Ariane Riecker), die dabei sind, wenn alte Freunde sich nach Jahrzehnten wiedersehen. Der Film ist auch mit aufwendigen Grafiken und Animationen ausgestattet, die der Wismarer Maler und Grafiker Paetrick Schmidt gestaltete. Die Musik stammt von dem Rostocker Musiker Christian Kuzio.

Im TV:
28.10., 5.11., 12.11. jeweils 21 Uhr, NDR: „Vergissmeinnicht. Wie sich Freunde aus dem Poesiealbum wiederfinden“

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