Störtebeker-Festspiele : Piratenspektakel unter Zwiebeltürmen

Klaus Störtebeker alias Bastian Semm (rechts) hat auch diesmal viele Kämpfe zu bestehen, hier mit Sven Sture, dargestellt von Mike Hermann Rader
Klaus Störtebeker alias Bastian Semm (rechts) hat auch diesmal viele Kämpfe zu bestehen, hier mit Sven Sture, dargestellt von Mike Hermann Rader

In der 23. Auflage der Störtebeker-Festspiele auf Rügen verschlägt es „Aller Welt Feind“ Klaus Störtebeker und die Seinen bis ins kühle Nowgorod

Karin.jpg von
20. Juni 2015, 08:00 Uhr

„Laran, mein treuer Freund…“ Klaus Störtebeker streckt den behandschuhten linken Arm aus, damit sich der Adler darauf niederlassen kann. Doch Laran kommt nicht. Bastian Semm alias Klaus Störtebeker ist Profi genug, um einfach weiterzuspielen. Dezent landet der Belohnungshappen für den Greifvogel im Sand. Statt Laran seine Botschaft Auge in Auge anzuvertrauen, ruft sein Herr sie ihm zu – irgendwohin in die Baumgipfel über der Naturbühne in Ralswiek auf Rügen.

Zum 23. Mal erlebt dort heute Abend ein Abenteuer des legendären Piratenhauptmanns seine Premiere. Mit den Arbeiten zu „Aller Welt Feind“ wurde schon im letzten September begonnen. Wenige Tage nach der letzten Vorstellung von „Gottes Freund“ fing der 17-köpfige Bautrupp unter der Leitung von Falk von Wangelin mit der Demontage des alten Bühnenbildes an. Denn diesmal zieht es Störtebeker tief in den Osten bis nach Nowgorod. Auf der rechten Bühnenseite entstand dafür eine völlig neue Kulisse mit einer von goldenen Zwiebeltürmen gekrönten Basilika. Auf der anderen Seite der Bühne blieb zwar auch Stockholm als Spielort nicht erhalten. Um das Städtchen Visby auf Gotland entstehen zu lassen, konnte aber zumindest ein Teil der alten Kulisse weiterverwendet werden.

Zum ersten Mal führt in Ralswiek der gebürtige Rheinländer Thomas Schendel Regie. Er verspricht den Zuschauern ein spannendes Abenteuer, das „ähnlich wie ein ,Indiana-Jones‘-Film komponiert ist“. Intendant Peter Hick schrieb die Geschichte zusammen mit seiner Tochter Anna-Theresa – Historie und Fiktion sind darin geschickt miteinander verwoben: Die Vitalienbrüder haben auf Gotland Unterschlupf gefunden, nachdem die Häfen von Rostock, Wismar und Stralsund unter dem Druck der Hanse für sie geschlossen worden waren. Doch die Insel, auf der der machtgierige Sven Sture zusammen mit Sophia, der Witwe Erichs von Pommern-Wolgast, herrscht, ist nicht sicher. Angst vor einem Angriff des Ritterordens geht um. Störtebeker und Goedeke Michels beschließen, als Kaufleute getarnt nach Nowgorod zu reisen, um die Lage zu erkunden und mögliche Verbündete zu finden.

Auch Ordensritter Ulrich von Jungingen reist nach Russland, um eine Finanzierung des Krieges gegen Gotland zu organisieren. Ebenso wie Störtebeker wird auch er vom Großfürsten Wassili empfangen, der, um seine Macht und seinen Reichtum zu mehren, ein doppeltes Spiel spielt. Ja, er schreckt nicht einmal davor zurück, seine eigene Bernsteinmine zu überfallen und niederzubrennen – und sich dabei als Klaus Störtebeker auszugeben. Nur Nadeshda und Mischa, die bei dem Überfall ihre Eltern verlieren, überleben und können später Zeugnis über den Frevel ablegen…

Mit Anika Lehmann in der Rolle der Nadeshda steht in diesem Jahr eine neue weibliche Hauptdarstellerin auf der Naturbühne. Fernsehzuschauer kennen sie unter anderem als Rieke Friedrichs aus der ARD-Telenovela „Rote Rosen“.

Eine alte Bekannte in Ralswiek ist dagegen Karin Hartmann, die wieder als Fronica und diesmal auch als ihr russisches Pendant Ninotschka zu sehen ist – und in beiden Rollen Goedeke Michels (Andreas Euler) mit Charme und Hochprozentigem den Kopf verdreht. Seit 25 Jahren gehört Karin Hartmann zum Theaterensemble in Neustrelitz. Für die Störtebeker-Festspiele hat sie der dortige Intendant freigestellt.

Fronica muss bis zum Schluss darum bangen, dass ihr in russische Gefangenschaft geratener Goedeke wieder wohlbehalten zu ihr zurückkehrt.

Störtebeker dagegen muss sich nur kurz um seinen gefiederten Freund sorgen: Knapp zwei Minuten, nachdem er gerufen wurde, schwebt Laran bei der Pressevorführung in dieser Woche dann doch noch im Tiefflug über die Köpfe der Zuschauer auf seinen Herrn zu. Vielleicht hatte ihn das ungewöhnliche Blitzlicht-Gewitter irritiert, vielleicht auch der Regen. Auf jeden Fall sind es kleine Unregelmäßigkeiten wie diese, die das Open-Air-Theater so authentisch und sympathisch machen. Bastian Semm zieht schnell den Kopf ein – und kann sich dann doch ein Grinsen nicht mehr verkneifen: „Da bist du ja, Laran – wenn man dich nicht mehr braucht…“

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