Gemälde der DDR : Peter wartet im Park

Harald Hakenbeck, Peter im Tierpark, 1961/62, Galerie Neue Meister Dresden/Moritz Götze, Peter, 2003  Fotos: Estel/Kämper
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Harald Hakenbeck, Peter im Tierpark, 1961/62, Galerie Neue Meister Dresden/Moritz Götze, Peter, 2003 Fotos: Estel/Kämper

Die Rostocker Kunsthalle erinnert in der ironisch-nostalgischen Ausstellung „Bilder machen Schule“ an Ikonen der DDR-Kunst .

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15. Februar 2014, 16:00 Uhr

Wer wünschte sich das nicht? Ewig jung zu bleiben. Forever Young. Uta und Rüdiger, das Paar aus dem bekanntesten DDR-Gemälde, werden für immer jung und schön und vielleicht verliebt barfuß am Strand sitzen. Die Ostsee im Rücken. Er mit seinen verwegenen blonden Wuschelhaaren wird sie auch in 100 Jahren noch anhimmeln. Sie, brünett, zart und mädchenhaft schön, wird auch in 100 Jahren noch neben ihm sitzen, versonnen ins Irgendwo blicken und mit ihren Fingerspitzen die seinen zart berühren.

Auch der kleine Peter in seinem blauen 60er-Jahre-Mäntelchen, mit der unmöglichen Filzmütze auf dem Kopf, die Hände in den Manteltaschen vergraben, hinter ihm das nahezu stilisierte Kamel, die beiden Wildschweine und der Pfau, wird Besucher der Galerie Neue Meister in Dresden für immer mit seinen großen Augen anschauen. Gleichgültig? Neugierig? Unschuldig? Jedenfalls auch 50 Jahre nachdem er zum Bild wurde, noch magisch-melancholisch.

Beide Gemälde – „Peter im Tierpark“ (1961/62) von Harald Hakenbeck und „Am Strand“ (1962) von Walter Womacka – sind Ikonen der DDR-Malerei. Nahezu jeder in der Ehemaligen Aufgewachsene kennt sie. Wollte man einen Agenten testen, der behauptet, in den 70er-, 80er-Jahren in Leipzig gelebt zu haben, müsste man ihm nur einen Stapel mit Kunstpostkarten vorlegen. Würde er Peter und die beiden am Strand nicht erkennen, wäre er als Nicht-Ostler überführt.

Peter, Uta und Rüdiger waren fast so bekannt wie die Mona Lisa oder das Schokoladenmädchen. Bei den nationalen Kunstausstellungen in Dresden, so ist es überliefert, bildeten sich dichte Menschentrauben vor diesen Gemälden. Kunstwissenschaftler, die bei Führungen das Tierpark-Foto als künstlerisch misslungen zu denunzieren versuchten, wurden von Besuchern beschimpft.

Allein das Strandpaar wurde als Kunstdruck, Postkarte oder Kalender in einer Auflage von drei Millionen Exemplaren verkauft, die 10-Pfennig-Briefmarke sogar 12 Millionen Mal gedruckt.

Und diese Gemälde illustrierten nicht zuletzt Schulbücher – Lesebücher und auch solche für Heimatkunde und Geschichte. Was zur Folge hatte, dass zwei Generationen von DDR-Bürgern diese Bilder gar nicht nicht kennen konnten.

Genau diesem Phänomen geht nun eine sehenswerte Ausstellung in der Rostocker Kunsthalle auf den Grund, die am Sonntag eröffnet wird. Der doppeldeutige Titel „Bilder machen Schule“ verweist einerseits auf den massenhaften Abdruck von Gemälden in Lehrbüchern, seltsamerweise meist völlig unabhängig von den Texten und auch unkommentiert. Wer erinnert sich heute noch an Texte aus der 3. oder 7. Klasse? Da haben sich viele der in Rostock erstmals in einer Ausstellung gemeinsam im Original gezeigten 40 Gemälde wahrscheinlich eher ins Gedächtnis gebrannt. Zum anderen spielt der Titel auf die ästhetische Bildung an. Eine Schule des Sehens, die Millionen DDR-Kinder mehr oder weniger bewusst durchliefen, wenn sie die populären Bilder mit ihren oft volkstümlichen Geschichten in sich aufnahmen. Reproduktionen von Gemälden, die noch ganz der Ästhetik des 19. Jahrhunderts verhaftet waren. Die Moderne oder gar avantgardistische Arbeiten kamen eher nicht vor, so Kurator Dr. Paul Kaiser, einer der profundesten Kenner der DDR-Kunst.

„Während in den Anfangsjahren der Republik in der bildenden Kunst noch das Heroische dominierte, Aktivisten oder optimistische Arbeiterbrigaden, vollzog sich nach dem Mauerbau“, so Kaiser, „eine Wende zu Motiven, die man mit dem Titel von Brigitte Reimanns Erzählung ,Ankunft im Alltag‘ sehr gut beschreiben kann: Alltagsszenen, nachdenkliche Arbeiter, Debattenbilder.“ Gemälde mit offensichtlich politischem Hintergrund, wie man sie vielleicht erwartet hätte, finden sich in den Schulbüchern kaum. Und auch das Lachen scheint, wie man in der Rostocker Ausstellung feststellen wird, den DDR-Malern nur schwer aus der Palette geflossen zu sein. Sieht man einmal von Fritz Freitags an Brueghel erinnernde Winteridylle „Fröhlicher Winter“ (1962-64) ab.

Bemerkenswert, wenn auch für die Kunsthalle sehr kostspielig, war die Tatsache, dass die ausleihenden Museen inzwischen den Wert von DDR-Kunst erkannt zu haben scheinen. Während man vor zehn Jahren Gemälde vielleicht noch im Kofferraum transportieren konnte, so Kurator Kaiser, liefern heute teure Spezialtrans-
porter die Arbeiten an, als handele es sich um einen Rembrandt. Was war noch einmal der deutsch-deutsche Bilderstreit um den Wert oder Unwert von DDR-Kunst?

Inspiriert wurde Kunsthallendirektor Jörg-Uwe Neumann zu dieser Ausstellung, als er in den Schulbüchern seiner Kinder blätterte. „Da habe ich mich plötzlich an meine Schulzeit im Osten erinnert.“ Da die Kunsthalle als einziges neu gebautes Kunstmuseum der DDR über einen großen Schatz an ostdeutschen Gemälden, Plastiken und Grafiken verfügt und sie auch präsentieren will, müssen immer wieder neue, intelligente Ausstellungsformate entwickelt werden, die Arbeiten auch in einem spannenden Rahmen der Öffentlichkeit zugänglich machen. „Bilder machen Schule“ ist so eine Idee. Ein wenig nostalgisch, kulturgeschichtlich fundamentiert – und ironisch.

Denn neben den Gemälden, etwa von Willi Sitte, Werner Tübke oder Hans Grundig, hängen großformatige Arbeiten des renommierten Hallenser Pop-art-Künstlers Moritz Götze. Als Kind der DDR, wenn auch als gebranntes, setzt er sich schon seit zehn Jahren auf seine unverwechselbare Weise mit Ikonen der DDR-Malerei auseinander, befragt und persifliert sie zugleich. So bekommen die beiden am Strand, Peter im Zoo oder Willi Neuberts ebenso berühmter Schachspieler, allesamt Kinder des 20. Jahrhunderts, eine neue, ironisch gebrochene Existenz im 21. Jahrhundert.

Uta und Rüdiger, die beiden am Strand, waren übrigens die Tochter und der jüngere Bruder von Walter Womacka, also eher kein Liebespaar. Wie der ausgesprochen informative, wie ein Schulheft gestaltete Katalog zur Ausstellung verrät, mussten die beiden zwischen 1960 und 1961 mehrmals in der Pankower Wohung des Künstlers eine Szene nachstellen, die der Maler am Strand von Usedom bei Loddin ein Jahr zuvor gesehen hatte. In Rostock hängt neben dem berühmten Strandpaar eine frühere Fassung dieser Szene. Jedem Besucher wird sofort der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Bild und einem Meisterwerk klar. Das berühmteste Gemälde der DDR hatte auch einen berühmten Besitzer: Walter Ulbricht, der es 1963 zu seinem 70. Geburtstag vom SED-Politbüro geschenkt bekam. Dass Walter Womacka sein Bild in seiner Autobiografie einen „Fluch“ nannte, ist dann schon wieder eine ganz andere Geschichte.

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