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"Oper macht unglaublich friedlich"

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erstellt am 16.Jun.2011 | 03:37 Uhr

Max kommt mit dem Fahrrad. Heiko Börner, der die Partie des jungen Jägers Max singt, musste nach der verregneten Probe auf der Freilichtbühne noch schnell nach Hause, trockene Sachen anziehen. Dann gehts gemeinsam mit Peggy Steiner, eine der drei Agathen, in ein italienisches Eiscafé - auch wenn in diesem Jahr bei den Schlossfestspielen nicht Verdi gespielt wird, sondern "Der Freischütz", die Oper der deutschen Romantik schlechthin.

Stöbern wir zum Aufwärmen ein wenig in den Biografien. Peggy Steiner werfen wir gleich mal eine Parole zu: "Unternehmen Geigenkasten". Die Sopranistin staunt lachend. Dass sich noch jemand an diesen DDR-Kinderfilm erinnert! Damals, in der 4. Klasse, meldete sie sich auf eine Annonce und bekam nach einem langen Auswahlverfahren schließlich die weibliche Hauptrolle. "Eine schöne Zeit, ich musste nicht so oft in die Schule." Gut, dass ihre kleine Tochter in Berlin das nicht hört.

Auch sonst gehört das Künstlertum in Peggy Steiners Familie zum guten Ton. Der Großvater war Intendant an der Dresdner Staatsoperette, die Oma Sängerin, die Mutter auch. Acht Jahre tanzte Peggy Steiner im Kinderballett des Berliner Friedrichstadtpalastes, viele Solorollen. Aber das Sängerblut war stärker. Im Studium war Dietrich Fischer-Dieskau einer ihrer Lehrer. Wie lernt man von einem solchen Sängerstar? "Das ist vielleicht wie beim Malen. Man lernt beim Kopieren und findet so neue Formen, Farbspiele, Ideen."

Seit dem Studium hat die Sopranistin an vielen Bühnen gastiert, gerade erst an der Staatsoperette Dresden, wo ältere Kollegen plötzlich Fotos hervorkramten: die kleine Peggy mit dem früheren Chef, ihrem Opa.

Heiko Börner debütierte 2002 nach dem Studium in Halberstadt - mit der Partie des Max. Der lässt ihn seitdem nicht mehr los. Börner spricht von "der Last der Erfahrung", wenn die feine, lyrische Stimme der Anfängerjahre in ihren Grenzen mit zunehmendem Alter schwerer und zugleich freier wird und das Erbe der Anfängerjahre loswerden muss.

Könnte Börner sich vorstellen, wie Max auf Tiere zu schießen? Ein rigoroses Nein. Der Kriegsdienstverweigerer, der mit seiner Familie noch immer in dem 300-Seelen-Dorf bei Frankfurt/M. lebt, wo er auch geboren wurde, hat noch nie eine Waffe in die Hand genommen. "Was Jäger empfinden, kann ich nur sehr schwer nachvollziehen."

Da sind wir also schon mitten in der Oper "Der Freischütz", die in frühen Fassungen auch "der Probeschuss" und die "Jägersbraut" hieß. Ein wenig angestaubt sei diese Oper vielleicht, nörgeln Kritiker zuweilen. Da rauscht der deutsche Wald, herrschen altertümliche Mannbarkeitsrituale, wartet Agathe ergeben auf den Liebsten, während die Mädchen den Jungfernkranz winden…

Entschiedener Protest der beiden Solisten im Duett. Ganz und gar nicht verstaubt! Das Stück erzählt zum Beispiel von Versagensängsten. Wem sind die nicht fremd? "Wenn du morgen beim Probeschuss fehltest, müsst ich dir doch das Mädchen versagen", warnt der Förster seinen künftigen Schwiegersohn. Heute sagt man vielleicht: "Junge, du musst funktionieren." Es gehe auch um falsche Vorbilder, um Traditionen, die Halt geben können oder Druck ausüben, um Liebe und Vertrauen. Man müsse den "Freischütz" nur gut und genau inszenieren, so wie in Schwerin Frank Bernd Gottschalk, der bei den Proben niemanden von der Bühne lasse, bis er nicht den Kern eines Satzes getroffen habe.

Darf man sich den Beruf eines freien Sängers, der von Stadt zu Stadt reist, als ungetrübtes Glück vorstellen? Was den Beruf auch schwer macht, so Börner, ist die Trennung von der Familie, wenn man verpasst, wie die Kinder aufwachsen, wenn man den Partner mit seinen Sorgen allein lassen muss.

Wenn er zu Hause ist, verrät der Tenor, hört er auch mal Rockmusik oder gemeinsam mit seiner Frau, die Sängerin ist, Opern. "Mich faszinieren Stimmen, manchmal sitzen wir vor dem Computer und hören uns auf YouTube stundenlang Kollegen an."

Peggy Steiner schwärmt von Tango und - natürlich - auch von Oper.

Hat Oper eine Zukunft? Die Sopranistin glaubt, dass sich immer nur wenige vom Theater entzünden lassen. "Aber immer wird es Menschen geben, die die Oper als Schatz erkennen und irgendwann auch ausgraben."

Börner glaubt, dass die Oper ein reifes Publikum mit Zeit und Muße braucht, junge Leute seien noch zu sehr mit sich beschäftigt. Aber sterben werde sie nie, die Oper. Theater mache unglaublich glücklich und friedlich. "Wer glücklich aus dem Theater kommt, geht anders in die Welt."

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