Otto Mellies stellt Autobiografie in Schwerin vor : "Nordischer Held"

 Otto Mellies nannte seine im Verlag „Das Neue Berlin“ erschienenen Erinnerungen „An einem schönen Sommermorgen“.dapd
1 von 2
Otto Mellies nannte seine im Verlag „Das Neue Berlin“ erschienenen Erinnerungen „An einem schönen Sommermorgen“.dapd

Der Schauspieler Otto Mellies stellt morgen seine Autobiografie am Ort seiner Lehrjahre in Schwerin vor. Vor seiner Lesung am Mecklenburgischen Staatstheater, sprach Uli Grunert mit dem in Berlin lebenden Künstler.

von
06. November 2012, 07:30 Uhr

Schwerin | Ob als gefeierter Darsteller am Deutschen Theater in Berlin oder in Film und Fernsehen, der Schauspieler Otto Mellies ist ein Publikumsliebling mit Langzeitwirkung. Vor seiner morgigen Lesung am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, wo er seine Erinnerungen vorstellen wird, sprach Uli Grunert mit dem in Berlin lebenden Künstler über seine Lehrjahre in Schwerin, seine Entwicklung zum Charakterdarsteller und die Zusammenarbeit mit den Regisseuren Adolf und Andreas Dresen.

Vor zehn Jahren haben Sie es strikt abgelehnt, Ihre Memoiren zu schreiben. Warum haben Sie ihre Meinung geändert?

Otto Mellies: Kurz gesagt: Ein Verlag hat mich überredet. Am Ende hat das Schreiben sogar Spaß gemacht. Ich habe im Sommer viel draußen gesessen und auf ein Diktiergerät gesprochen. Die Erinnerungen habe ich für die Jugend geschrieben. Ich weiß nicht, ob die Jugend es liest. Aber bei der Arbeit trug mich der Gedanke, es könnte interessant sein, von dieser Zeit des Umbruchs und Neuanfangs nicht aus historischer Sicht, sondern durch den Blick eines Beteiligten zu berichten.

Viele engagieren für ihre Memoiren einen Ghostwriter. Haben Sie je daran gedacht?

Nein. Ich wollte das Buch allein schreiben. Diese Entscheidung war richtig, die Erinnerungen fielen mir nacheinander wie reife Äpfel in den Schoß.

Nach dem Ende des Krieges landeten Sie nach abenteuerlichen Umwegen mit 16 Jahren in Schwerin. Wie kam es zu Ihrer Bewerbung an der Schweriner Schauspielschule?

Im Frühjahr hatte ich es mit dem Schweriner Gymnasium am Pfaffenteich versucht. Aber das ging schief. Auch eine kurze Anstellung beim Statistischen Amt der Landesregierung war nicht von Dauer. Im Herbst 1947 las ich dann in der Zeitung von der Möglichkeit einer Bewerbung für die Schauspielschule. In der Aufnahmeprüfung sprach ich den Ferdinand aus "Kabale und Liebe". Ich wusste danach nicht, bin ich jetzt durchgefallen oder nicht? Am Abend klingelte das Telefon. Die große Schweriner Schauspielerin Lucie Höflich war am Telefon und fragte: Willst du bei uns anfangen? Das war die alles entscheidende Weiche für mein ganzes späteres Leben. Das Staatstheater wurde für uns Schauspielschüler ein zweites Zuhause. Wir lebten praktisch im Theater, sahen jede Vorstellung. Das "Weiße Rössl" habe ich mir über 50-mal angesehen, weil ich in eine zwei Jahre ältere Balletttänzerin verliebt war.

In Ihrem Anstellungsvertrag mit dem Schweriner Staatstheater stand später die Berufsbezeichnung "jugendlicher nordischer Held". Das klingt für heutige Ohren sehr ungewohnt?

Damals waren diese Bezeichnungen üblich. Es gab den jugendlichen Liebhaber, den jugendlichen Helden, den ersten Helden, den Heldenvater. Bei den Damen unterschied man damals die jugendliche Naive, die jugendliche Sentimentale, die Salondame, die Mütterspielerin und die komische Alte. Wir machten unsere Witze über diese Einteilung, die wohl noch aus der Wandertruppen-Zeit des Theaters stammte.

Im Jahr 1956 holte Sie der Intendant Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater nach Berlin. Können Sie aus der Vielzahl Ihrer Rollen eine nennen, auf die Sie besonders gern zurückblicken?

Während der 50 Jahre am Deutschen Theater habe ich acht Intendanten erlebt. Lange Zeit spielte ich dort die sogenannten positiven Helden. Ich spürte, wie das Publikum allmählich den Bühnenakteur und den Alltagsmenschen Otto Mellies für gleichermaßen positiv hielt, mich so sah wie die von mir verkörperten Figuren. Das war mir nicht angenehm. Ich wollte nun Rollen mit zweifelhaftem Charakter spielen. Der Regisseur Adolf Dresen war der Erste, der mir eine solche Rolle anbot.

In diesem Jahr wurden Sie mit dem Deutschen Filmpreis für die beste Nebenrolle in Andreas Dresens Spielfilm "Halt auf freier Strecke" ausgezeichnet. Sie haben sowohl mit dem Vater Adolf Dresen als auch mit seinem Sohn Andreas zusammen gearbeitet.

Adolf Dresen war mit Sicherheit ein großartiger Regisseur. Aber ich bin der Überzeugung, dass genetisch auch einiges schief gehen kann. Es passiert leider manchmal, dass der Sohn eines großen Meisters seinem Vorgänger kaum das Wasser reichen kann. Bei Andreas Dresen liegt die Sache anders. Er ist stark durch seinen Ziehvater Christoph Schroth geprägt worden, hat seine Jugend praktisch im Schweriner Theater verbracht. So eine Nähe ist prägender als alle Genetik.

Über die Zukunft des Mecklenburgischen Staatstheaters wird seit Jahren zwischen Politik und Theaterleuten gestritten. Haben Sie diese Diskussion verfolgt?

Ja. Natürlich. Der Streit ist ja bis Berlin zu hören. Es ist schrecklich. Wenn so ein Haus mit dieser Breite und kulturellen Tradition infrage gestellt wird, das ist und bleibt undiskutabel.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen