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Trauer um Kurt Masur : Musiker der Humanität

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zum Gedenken an Kurt Masur – der Stardirigent, der auch in Schwerin wirkte, verstarb am Sonnabend im Alter von 88 Jahren

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erstellt am 20.Dez.2015 | 17:40 Uhr

„Am Ende eines Konzerts soll Gott sagen, so, nun ist es gut und genug.“ Dieser Wunsch wurde Kurt Masur nicht erfüllt. Ein erfülltes Leben aber hat er gehabt.

Zum Probedirigat, zweiter Akt „Rosenkavalier“, kam er nach Schwerin an einem müden Tag, da Orchester und Sänger wenig motiviert waren. Der 30-Jährige riss sie hoch an jenem 2. Januar 1958. „Bei dem werden wir nichts zu lachen haben, aber der kann was“, waren sich die Musiker einig. Dann folgten am Mecklenburgischen Staatstheater zwei Jahre mit opulentem Opernspielplan und Konzerten, bei denen auch die Stehplätze im dritten Rang gefragt waren. Zuletzt schrieb ein Kritiker: „Schwer machte Masur den Hörern den Abschied . . . und auch dem Gefeierten selbst wurde die Trennung sichtlich schwer.“

Danach begann seine Weltkarriere, die ihn von Berlin nach Dresden, 27 Jahre als Kapellmeister ans Leipziger Gewandhaus und von dort um den Erdball bis nach Japan und in die USA ans Pult von Spitzenorchestern geführt hat. Die New Yorker Philharmoniker hat er zurückgeholt in die oberste Liga, sie verliehen ihm nach elf Jahren als Chef - „die Krönung meines Lebens“ - den „Music Director Emeritus“, eine Ehre, die zuvor nur Leonard Bernstein zuteil wurde. Es war auch Auszeichnung, dass Bernstein, Karajan und Celibidache mit ihren Orchestern zu seinen Gewandhaus-Festtagen kamen.

Trotz glänzender Erfolge und ungezählter Ehrungen hat Masur kein Glamour-Leben geführt, ist auch durch Konflikte und Krisen gegangen. Tochter Carolin, die Sängerin, fragte sich immer, woher er seine unglaubliche Energie nahm, Sohn Ken David, der Dirigent, hat ihn den „letzten Romantiker“ genannt. Der Maestro hat gedacht: „Wenn wir nicht träumen, sondern zuerst fragen, woher das Geld zur Verwirklichung der Träume kommt, dann werden wir verlieren.“ Sein Kraftquell war die Musik als Element der Humanität.

Masurs Laufbahn ist nicht medial gepusht worden, er hat sie sich als expressiver Bekenner zur musikalischen Botschaft erarbeitet. Als er auf seiner letzten großen Amerika-Tournee in Chicago dirigierte, hieß es dort „triumphal“, in Cleveland „wunderbar“, in Los Angeles „voller Ausdruckskraft“, in San Francisco „superb differenziert“ und in Boston „wir warten mit Vergnügen auf seine Rückkehr“.

Doch der Weltmusikant, der ebenso zielstrebig wie herzlich sein konnte, hat seine kurze Schweriner Zeit all die Jahre nicht vergessen. Vor einem Abflug in seine zweite Heimat New York sagte er mir einmal: „Es war ein entscheidender Schritt, meine erste Chefstelle, was weit mehr an Verantwortung erforderte als nur dirigieren. Auch privat war es ein Wendepunkt, ich lernte meine zweite Frau kennen, eine Liebe, die tragisch endete, das hat mich Demut gelehrt.“ Bei jedem Telefonat hat er sich nach der Situation des Theaters und der Staatskapelle erkundigt, alle Einschränkungen haben ihn getroffen.

Im November, längst von Krankheit gezeichnet, reiste er wieder nach Amerika, um in Boston noch einen Meisterkurs zu geben. Tochter Carolin und Sohn Ken hatten dann in New York „noch intensive, schöne Tage“ mit ihrem Vater. „Er war unheimlich wach“, sagte mir Carolin. Seine japanische Frau Tomoko, die in der Sterbestunde bei ihm war: „Seine Seele wollte noch leben, aber sein Körper konnte nicht mehr.“


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