Festspiele MV : Musikalischer Hochadel in Redefin

Eindringlich und intensiv ist die Musik von Geigenartist Joshua Bell und dem Ensemble Academy of St Martin in the Fields.
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Eindringlich und intensiv ist die Musik von Geigenartist Joshua Bell und dem Ensemble Academy of St Martin in the Fields.

Joshua Bell und die Academy of St Martin in the Fields zu Gast bei den Festspielen in Redefin

svz.de von
20. Juli 2015, 12:00 Uhr

Mit dem Adel war Redefin von alters her verbunden, lieferte Edelblut für den Marstall am Hof des Herzogs in Schwerin. Seit 1999 nun wird das Mecklenburger Landgestüt sommers mehrfach selbst zum Hof, an dem sich musikalischer Hochadel die Ehre gibt, höchst demokratisch umrahmt mit buntgewürfeltem Picknick ohne Etikette, Sekt oder Nudelsalat, der Freiherren-Janker neben der Freizeitklamotte, Hut ja, Stiletto eher unpassend. Und das Präludium für Tausende Musikfreunde und einige Nur-Eventfans von nah und fern komponieren Reiter und Pferde mit Rondos auf dem Rasen, mit Galopp und Sprüngen, wechselnde Takte schon hier. Nach edlen Pferden dann edle Klassik in der profanen Reithalle.

Weltmusikanten wie Anne-Sophie Mutter oder Julia Fischer, die Wiener und die Berliner Philharmoniker haben gestaunt, wie ihre Kunst populär wird in dieser landgestimmten Atmosphäre bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern.

Der Reiz des Ortes war am Sonnabend bei sehr gnädigem Wetter wieder spürbar bei der Orchester-Audienz der englischen Academy of St Martin in the Fields unter ihrem amerikanischen Music Director, dem Violinisten Joshua Bell. Mit einem Programm, das zwischen Johann Sebastian Bach, Peter Tschaikowski, Samuel Barber und Astor Piazzolla alle Brillanz der Streicher-Formation offenbarte.

Da zündet Bell als Solist bei Bachs E-Dur Violinkonzert schon bei den drei nachdrücklichen Eingangsakkorden enorm Energie, führt das barocke Stück so drängend wie fließend und pointiert ins Tempo der Gegenwart, in der schnelle Noten stylish sind. Er singt im Adagio mit seiner Stradivari über dem Ensemble, dieses haucht piano und pianissimo, und dann befeuern die Musiker den Finalsatz tänzerisch. Diese spielerische Intensität schwelgt mit dynamischen Finessen auch in Tschaikowskis Serenade für Streichorchester, lässt den berühmten Walzer schweben wie Seide in aufkommendem und abflauendem Wind.

Eindringliche Klangbögen in Barbers Streicher-Adagio, das im Jahr 2004 von den Hörern der BBC zum „traurigsten klassischen Stück“ gewählt wurde, was zu hören ist. Und schließlich ein expressives Emotions-Gewebe der Lebensfreude wie der Melancholie in Piazzollas „Vier Jahreszeiten“ mit Zitat-Blitzen aus dem gleichnamigen Vivaldi-Schlager. Jahreszeiten im Tango-Klima, Synkopen der Erregung. Spektakulär blüht die instrumentale Dialog-Kunst dieses Ausnahme-Ensembles, und der Geigenartist Joshua Bell bestimmt sie virtuos mit seinen Soli. Dem Publikum mitten ins Herz gespielt. Da steht es auf und jubelt. Das Ensemble lächelt. Nebenbei: Wie wäre es mal mit einem Trompetensignal für Beginn und Pausenende, damit Spitzenmusiker nicht auf Trödler warten müssen?  

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