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Filmkunstfest : Mitternacht beim Ku-Klux-Klan

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das 24. Filmkunstfest MV in Schwerin erwartet ab heute Gäste und Künstler zu mehr als 100 Veranstaltungen. Neun Welt- und deutsche Premieren sind angekündigt. Mo Asumangs Film „Die Arier“, der unter erheblichen persönlichen Risiken entstand, wird morgen und am Freitag gezeigt.

Mo Asumang, 50, ist eine mutige Frau. Als Farbige – ihr Vater aus Ghana, die Mutter aus Hessen – ist sie für manche Deutsche die leibhafte Provokation. Sie fährt in „national befreite Zonen“ wie Gera, Wismut oder Potsdam. Beobachtet die Vorbereitung einer Neonazi-Demo, geht einfach zu auf Leute mit Springerstiefeln und Nazisymbolen an der Kleidung. Die Frauen wenden sich alle ab, die Männer reagieren erst nicht, beginnen bald zu pöbeln. „Hau ab nach Afrika“, hört sie. „Mit Juden, Schwarzen, Schwulen und Lesben reden wir nicht.“ Sie sei Deutsche, wirft sie ein. „Du kriegst sowieso bald die Ausweisung.“

Schon nach ihrem Film „Roots Germania“, mit dem sie nach der TV-Ausstrahlung in Schulen ging, walzte sich eine Hasslawine über Mo Asumang. In einem Lied der Berliner Neonazi-Band „White Aryan Rebels“ ertönt die Morddrohung: „Die Kugel ist für dich, Mo Asumang.“ Beim Drehen wurde ihrem Kameramann die Kamera ins Gesicht gestoßen und Bier über ihm ausgeschüttet, sie unflätig beschimpft. Das weckte ihren Trotz. Sie wollte wissen, was hinter der Idee vom „Herrenmenschen“ steckt. Sie nahm sich Kamerafrauen mit, sogar solche, die groß, blond und blauäugig waren. Sie sahen aus wie Arier.

Mo Asumangs Film „Die Arier“ hat Anfang April beim Phoenix Festival in den USA den „World Cinema Best Documentary Award“ erhalten. Beim 19. Festival Türkei/Deutschland in Nürnberg im März wurde die Autorin und Regisseurin mit dem Öngören-Preis für Demokratie und Menschenrechte ausgezeichnet. Das Schweriner Filmkunstfest zeigt den Film, der unter erheblichen persönlichen Risiken entstand, morgen und am Freitag (jeweils 22 Uhr).


Ein altes Hirtenvolk im Iran


Mo Asumang trat Menschen gegenüber, die sie gern tot sehen würden. Gruselig die Szene, als die Filmemacherin sich im Mittleren Westen der USA mit Anhängern des Ku-Klux-Klan trifft. Sie wird um Mitternacht an einen Waldrand bestellt. Ein Truck rollt heran, zwei Männer darin, der eine mit der Kapuze der Hassgemeinschaft Weißer, sein Kumpan mit einem Tuch vermummt. Auf dem Rücksitz Maschinengewehre. Ein bizarres Gespräch beginnt. Das Land sei am Ende, die weiße Rasse werde in Amerika verfolgt – auf einmal zeigen die schaurigen Gestalten Furcht. Sie berufen sich auf die Arier, wie alle Neonazis weltweit.

Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit, den Asumang interviewt, glaubt: „Angst ist das primäre Gefühl der Neonazis.“ Das bestätigt ein Aussteiger der Neonazi-Szene, der erklärt, dass seine Ex-Kameraden sich isolierten und Ausländer nie berühren würden, weil man „geburtenfreudigen fremdvölkischen Elementen“, wie es in einem NPD-Papier heißt, mit Abscheu zu begegnen habe. Wer da schwach sei, kriege „von den Kameraden auf die Fresse“.

Deshalb der Arier-Unfug. Arier sind ein altes Hirtenvolk im Iran. Mo Asumang brauchte neun Monate für ein Visum, um Nachfahren im Ort Abyaneh begegnen zu können. Die iranische Botschaft glaubte zuerst, sie arbeite für den Mossad oder die CIA. Hitler war verrückt, sagen die Arier (Arabisch: die wahrhaft Edelmütigen), die Arier-Passagen in „Mein Kampf“ seien völlig falsch. Arier im Iran würden mit anderen Völkern friedlich zusammenleben.

Kann man ideologisch Verwirrten helfen? Ja, sagt Mo Asumang. Um Kriminelle soll sich die Justiz kümmern, aber „nicht alle Nazis sind gleich“, viele nur Mitläufer. Selbst dem Hassredner Tom Metzger in den USA, der in seiner Radiosendung hetzt, saß sie gegenüber. Das Gespräch verlief offen, danach umarmte der Rassist sie spontan mit dem Satz: „Hoffentlich sieht das keiner, sonst bin ich erledigt.“




 

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