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Mit Vollgas ausgefegt

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erstellt am 04.Jun.2010 | 07:38 Uhr

Schwerin | Es war einmal eine Komödie, die zu den Raritäten dieses Genres in Deutschland zählte, und die hieß "Der Biberpelz". Ihr Autor war Gerhart Hauptmann, und seinerzeit spaltete auch er das Theaterpublikum mit seinem Naturalismus, der soziale Widersprüche aufriss. Schuf Figuren wie die Waschfrau Wolffen, die im "listigen Guerillakrieg" einem bornierten Staatsdiener, der nur auf Denkfeinde aus ist, ein langfingeriges Schnippchen schlägt, um für ihre Familie das Glück ein wenig zu korrigieren. Eine fast sympathische Gaunerin. Futter für große Komödiantinnen. Das ist lange her.

Das modische Theater traut solchen Geschichten von Menschen kaum noch, hält Charaktere auf der Bühne meistens für langweilig, hat es womöglich verlernt, sie in Szene zu setzen, spielt sie dennoch: treibt es mit Comic-Figuren und feiert die eigene Lust daran. Nun hat der Regisseur Herbert Fritsch auch den "Biberpelz" im Schweriner E-Werk mit dem Comedy-Virus infiziert. Der hat das Stück hinweggerafft ins Panoptikum. Wenn anfangs ein Pulk der Schauspieler als eine Art antiker Chor die Regieanweisungen des Autors vor blumiger Wand mit Goldrüsche skandiert, ist noch Ironie zu erwarten. Die Hoffnung vergeht rasch im Gezappel, Geschrei, Gestampfe, in wilden Wortsalven. In Späßen jener Sorte, wo Amtsdiener Mitteldorf die Hose runterlässt und Mutter Wolffen auf den Hintern klatscht, der Amtsvorsteher dem Spitzel Motes ins Gemächt greift. Der Schiffer mit Akkordeon stimmt einen Shanty zum Mitgrölen an, ist das etwa nicht lustig?

Alles abgründige Karikatur? Schön wärs ja, wenn es den intelligenten Witz der Karikatur hätte. Hier wird gnadenlos dem unteren Fernsehhumor hinterhergehechelt. Was garantiert Kreischer findet. Eine Vollgas-Groteske fegt den ursprünglichen Sinn aus dem Stück, denn Verrenkungen und Fratzen drängen sich fett vor den Text. Wie dieser in der Autoren-Hatz, geht auch die Wolffen leider unter. Einige Lichter bei Brigitte Peters erinnern daran, dass sie natürlich einen Charakter hätte spielen können. Ihr finales "Da weeß ich nu nich" wird zum Fragezeichen über dieser Verwurstung. Ein Akteurs-Contest um die Krone des Klimbim: Hauptmann zero points! Immerhin, alle im Ensemble schneiden vortrefflich Grimassen, machen expressiv Faxen, toben hemmungslos Slapstick aus. Sozusagen Edel-Müll. Das wäre vielleicht zum Schenkelklopfen, wenn diese späte Castorf-Manier nicht so abgenutzt wäre.

Trotz Lärmbelästigung wird das Ohr gegen Ende hellhörig, wenn es im Getümmel den bestohlenen Krüger vernimmt: "Ich verstehe nur Schrott davon." Ein Rentner eben, aber wo er Recht hat, fehlte nur noch der Auftritt von Hauptmann als Gespenst. Stattdessen symbolische Schauspielerprügel vorgestern zur Premiere für den Regisseur. Der Gag zum Erholen.


Nächste Termine: heute und 19. Juni, 9.30 Uhr, E-Werk. Kartentel.:(0385/5300123)

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