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Festspiele MV : Mit unerhörter Kraft und Energie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zum ersten Mal bei den Festspielen MV – die Berliner Philharmoniker zu Gast im Landgestüt Redefin

Das unzuverlässige Wetter konnte am Samstag niemanden davon abhalten, zum Landgestüt nach Redefin zu fahren: Wer Karten bekommen hatte, der kam. Einige machten sich schon zum Picknick auf den Weg, viele auch zur Pferdeshow am Nachmittag. Doch blieb der eigentliche Magnet das Konzert der Berliner Philharmoniker unter der Leitung des jungen venezolanischen Dirigenten Gustavo Dudamel.

Fast 90 Jahre waren die Berliner Philharmoniker nicht in Mecklenburg gewesen, zuletzt 1905 mit dem Dirigenten Arthur Nikisch in Neubrandenburg und 1928 im Rostocker Theater unter Wilhelm Furtwängler. Nun wurden die Musiker bei ihrem Auftritt in der großen Reithalle des Landgestüts mit stürmischem Applaus begrüßt, und Jubel brauste auf, als Dudamel das Podium betrat. Auf dem Programm standen zu Beginn von Tschaikowsky die sinfonische Fantasie „Der Sturm“ nach Shakespeare und die Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“.

Lange zog der Dirigent die erste Steigerung hin unter dem Hornthema in der Sturm-Fantasie. Doch dann entfesselte er in den Streichern die stürmische Bewegung mit einer solchen Intensität, dass sich der Klang mit dem Geräusch der Bögen auf den Saiten zu wütendem Auf und Ab mischte. Seltsam, dass die ersten Einsätze im Holzbläserchor unpräzise kamen und klapperten. Lag es am ungewöhnlichen Raum, war die Konzentration draußen bei den Pferden geblieben? Später, bei dem altrussischen Choral der Blechbläser, war dieser Makel ausgemerzt.

Zwingender als die Zaubergeschichte „Der Sturm“ kam die Liebesgeschichte von Romeo und Julia musikalisch von der Bühne. Sehr konzentriert, ohne romantische Allüren, mit geradezu klassischer Strenge formte Dudamel den Ablauf der Musik und legte mit klarer Diktion dem Hörer deren Struktur offen. Man konnte mit dem Ohr verfolgen, wie der Komponist Klang und Geste musikalisch zusammengebaut hat.

Nicht etwa, dass diese didaktische Klarheit dem Musikerlebnis Abbruch getan hätte. Im Gegenteil: aus der durchsichtigen Art des Musizierens entfaltete sich eine unerhörte Kraft und Energie, der kantige Rhythmus der Akzente fuhr mit rüttelnder Gewalt durch das Orchester, aus dem immer dichter sich drängenden Gegeneinander der verfeindeten Seiten kam eine packende Spannung, die Macht des Klanges nahm einem den Atem, die Emotionen bebten zwischen glühendem Liebesthema und Tod.

Jubel scholl den Musikern entgegen, nach dem ersten Programmteil ebenso wie nach der 1. Sinfonie c-Moll von Johannes Brahms zum Abschluss des Konzertes. Da hatten sich klassische Strenge und venezolanisches Feuer miteinander vermischt und vor allem den Finalsatz im Tempo vorangetrieben, bis sich am Ende die Metren rasant verkürzten. Die Zuhörer sprangen von ihren Sitzen mit stürmischem Applaus. Darauf verabschiedeten sich die Berliner Philharmoniker überraschend zart mit der Zugabe des tänzerisch fein gewebten „Waltz“ im 7/8-Takt aus dem Divertimento von Leonard Bernstein.


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erstellt am 22.Jun.2014 | 16:24 Uhr

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