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Ahrenshoop : Mit Tübke am Strand

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das Kunstmuseum Ahrenshoop zeigt in seiner Sommerausstellung Gemälde und Zeichnungen von Malern der legendären „Leipziger Schule“.

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erstellt am 14.Jul.2015 | 12:00 Uhr

Fröhliches Studentenleben an der Ostsee? Von wegen. Wenn Werner Tübke (1929-2004) mit seinen Studenten der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst von 1966 bis 1968 einmal im Jahr jeweils vier Wochen in Zingst verbrachte, war das harte Arbeit. Zeichnen in der Natur von morgens bis abends. „Nach dem Abendbrot, so von 8 bis 10, folgte nicht das Bier (das kam später), sondern strengste Auswertung des Tagewerks“, erinnert sich der Maler Dietrich Wenzel an diese „Akademie am Meer“.

Tübke, seine Schüler, die Maler der legendären „Leipziger Schule“ überhaupt und der Ostseestrand – ein bisher noch nie in einer Ausstellung präsentiertes Thema. Das Kunstmuseum Ahrenshoop widmet sich in seiner Sommerausstellung genau diesem Kapitel ostdeutscher Kunstgeschichte.

Ausgehend von Tübkes frühem, noch nie im Zusammhang gezeigten Strandzyklus präsentieren die Kuratoren Katrin Arrieta und Paul Kaiser 65 Werke von 19 Künstlern, ein ganzes Panorama der „Leipziger Schule“.

Schnell wird beim Rundgang durch die Ausstellung klar, wie sehr diese Maler und Zeichner über Generationen hinweg der Ostsee verbunden waren. Dabei war der Strand natürlich immer viel mehr als ein Ort der Erholung und Sinnbild für Lebensfreude, wie es der Doktrin des Sozialistischen Realismus’ entsprochen hätte. Nein, der Strand als Tableau für große und kleine Menschengeschichten war und ist zugleich auch ein melancholischer Ort der Zwiesprache mit dem weiten, unergründlichen Meer und den eigenen seelischen Tiefen. Ein Ort des Rückzugs und nicht zuletzt, wie Paul Kaiser sagt, das „Großsymbol einer nach innen abgeriegelten Grenze“, die „längste Bühne des Kunsttheaters DDR“. Wobei wohl bei diesem Theater sowohl Kreativ-Künstlerisches als auch Politisch-Künstliches anklingen sollte.

Einige Beispiele. Bereits in Werner Tübkes frühem Gemälde „Strandspiele“ (1956) tummeln sich nicht mehr muskulöse, rosig-fröhliche Menschen am Strand. Im Gegenteil strahlt die düstere Szene eine Ahnung von Bedrohung aus, wie sie vielleicht damals in der Angst vor einem Dritten Weltkrieg in der Luft gelegen haben mag.

Eine Bleistiftzeichnung von Tübke zeigt einen „Harlekin am Strand“ (1965), der halb unter einem Baumstamm begraben liegt. Ein Künstler, der in seiner Freiheit eingeschränkt ist. Wie Tübke, der in jener Zeit wegen „Individualismus, Skeptizismus, Surrealismus und einer Dämonisierung der Lebenswirklichkeit“ von der Hochschule gefeuert wurde.

Die zweite Generation der „Leipziger Schule“, also auch der Mattheuer- und Heisig-Schüler, inszeniert den Strand dann mehr und mehr als Ort der Desillusionierung, als Stellvertretersymbol für eine stagnierte, entmündigte Gesellschaft, der Hoffnung und Utopie abhanden gekommen sind. In Arno Rinks „Strandbild“ (1980) verabschiedet sich ein Paar unter einem bedrohlichen Hühnergott-Meteoriten. Uwe Pfeifer hängt in „Beton und Steine“ (1972) Hühnergötter auf einen Balkon in einer menschenleeren Plattenbausiedling. Doris Zieglers „Boot 2“ (1988) – ein Narren- und Flüchtlingsboot. Womit sogar prophetisch die gnadenlose Gegenwart mitschwingt. Der Strand dürfte auch künftig immer mehr sein als ein idyllischer Ort am Meer.

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