Anne-Sophie Mutter : „Mir macht fast nichts Angst“

Anne-Sophie Mutter in cooler Kulisse
Anne-Sophie Mutter in cooler Kulisse

Anne-Sophie Mutter, die beste Geigerin der Welt, gastiert am 5. September bei den Festspielen MV im Landgestüt Redefin

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05. August 2015, 12:00 Uhr

Seit bald vier Jahrzehnten steht Anne-Sophie Mutter auf der Bühne: Hochkonzentriert scheint die berühmteste Geigerin der Welt dort stets der Ernst in Person, verzieht kaum eine Miene. Im Interview hingegen lacht und lächelt die 52-Jährige und kokettiert mit charmantem Understatement – selbst wenn es um ihr Alter geht. Vor ihrem Konzert in Redefin am 5. September mit ihrem Ensemble Mutter’s Virtuosi hat Christoph Forsthoff die Wahl-Münchnerin getroffen.

Eigentlich spricht man eine Dame ja nicht auf ihr Alter an, aber da es ja überall zulesen ist…

Mutter (lacht): …und ich damit überhaupt keine Probleme habe…

…ist die magische 50 tatsächlich nie ein Thema für Sie gewesen?

Nein, das ist nur eine Zahl (lacht). Richtig ist natürlich, dass man mit zunehmendem Alter an seiner sportlichen Form arbeiten muss: Man ist mit 52 zwangsläufig nicht mehr so fit wie mit 30 und so treibe ich, seit ich 40 bin, regelmäßig Sport. Das tut mir sehr gut, befreit enorm und gibt mir auch die nötige körperliche Frische, um mich auf der Bühne zu verausgaben.

Das klingt wie das Credo der Best Ager…

Da halte ich es mit der „Fledermaus“: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.

Andererseits wird einem auch bewusst, dass…

…man so langsam weise werden müsste. Das ist natürlich ein Problem, denn diesen Ansprüchen kann ich nicht genügen.

Bleiben wir also beim Sport – was steht da bei Ihnen auf dem Trainingsplan?

Joggen bei schönem Wetter – wobei ich am Konzerttag selbst keinen Sport treibe, das wäre kontraproduktiv. Ansonsten hauptsächlich joggen, wandern, bergsteigen – und wenn sonst nichts da ist, gehe ich ins Fitnessstudio und reiße ein bisschen an den Geräten herum. Drei- bis fünfmal die Woche. Natürlich nicht, wenn ich auf Tournee bin, da gibt es dann schon mal einige Tage, wo ich nichts tue – wobei ein Konzert, abgesehen von der geistig-emotionalen Komponente, ja auch eine große körperliche Anstrengung ist.

Das klingt, als könne es eigentlich keine Altersgrenze für einen Musiker geben. Oder doch?

Natürlich gibt es für einen kreativen Menschen keine Altersgrenze, aber es kommt sicher der Tag, an dem die Feinmotorik nicht mehr den hohen Ansprüchen genügt, die man an sich selbst hat. Dann ist die Frage: Stelle ich die Feinmotorik auf die gleiche Stufe wie die geistigen Früchte, die ich jetzt ernten kann und über die ich vor 30 Jahren noch nicht verfügen konnte?

Und wie lautet die Antwort?

Im Laufe der Jahre habe ich viele Dirigenten begleitet, die genau wie ich älter wurden – und habe dabei doch immer wieder festgestellt, dass über allem der Geist steht. Der Geist, der ein Orchester in einer Art und Weise zu inspirieren vermag wie ein jüngerer Musiker das zwangsläufig nicht kann, weil ihm eben das gelebte Leben und Leiden, vielleicht auch das körperliche Leiden fehlt.

Ich scheine mich noch in der Mitte zu befinden. Aber ich weiß nicht, wie ich darüber denken werde, wenn ich subjektiv der Meinung bin, ich hätte musikalisch noch so ungeheuer vieles zu sagen, aber der Körper es nicht mehr in der makellosen Perfektion zu präsentieren vermag, die wir alle von uns selbst erwarten.

Macht Ihnen eine solche Aussicht Angst?

Überhaupt nicht. Ich habe zwei großartige Kinder, ein total erfülltes Leben, meine Stiftung, viel zu viel Arbeit, viel zu viel Neugierde auf neues Repertoire – mir macht eigentlich nichts Angst, was mich selbst betrifft, sondern wie jeder Mutter nur alles, was die Kinder angeht. Allein um deren Perfektion auf der Bühne sorge ich mich nicht (lacht).

Nun beginnen Ihre Kinder, ihre eigenen Wege zu gehen, beide studieren – fällt Ihnen diese Abnabelung schwerer oder Ihren Kindern?

Wir tun gegenseitig so, als ob das alles ganz easy ist (lacht). Doch ich denke, meinen Kindern fällt es leichter als mir – allerdings bemühe ich mich, cool zu bleiben, was ich aber leider nicht unbedingt bin.

Und wie gehen Sie dann damit um?

Man muss sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Kinder eine Leihgabe sind und kein Besitz – genauso wenig wie man seinen Ehepartner besitzt. Man darf sie eine Weile in eine Richtung weisen, die man für lebenswert hält und sie auf einiges vorbereiten, doch letztlich haben wir alle unsere Erfahrungen selbst gemacht. Nicht immer nur gute, doch mit jeder Erfahrung wird man ja auch… nicht unbedingt klüger, aber einfach besser präpariert (lacht).

Besuchen Ihre Kinder noch regelmäßig Ihre Konzerte?

Wenn es sich ergibt, dann schon – zumal es sie nichts kostet, denn sie bekommen ja Freikarten: Wenn man dann nicht kommt, ist einem eh nicht zu helfen (lacht).

 

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