Entartete Kunst : „Mein guter wie mein böser Engel“

„Kopf in Messing“ von Rudolf Belling (1925)
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„Kopf in Messing“ von Rudolf Belling (1925)

Bernhard Alois Böhmer verkaufte für die Nazis „entartete Kunst“ : Jetzt sollen zehn Werke seiner Sammlung nationales Kulturerbe werden

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27. August 2015, 12:00 Uhr

Es ist eine einzigartige Sammlung von Kunstwerken, ein Zeugnis der Geschichte Deutschlands: die Werke, die der Kunsthändler Bernhard Alois Böhmer über Jahre in seiner privaten Kunstsammlung aufbewahrte. Seit 2009 ist der Bestand offiziell im Besitz des Kulturhistorischen Museums in Rostock.

„Es ist die größte, bedeutendste und letzte geschlossen erhaltene Sammlung zum Thema ,entartete Kunst‘“, sagt der Leiter des Kulturhistorischen Museums, Steffen Stuth. Bis Anfang September soll nun entschieden werden, ob zehn der Kunstwerke aus Böhmers Sammlung ins nationale Kulturerbe aufgenommen werden.

„Entartete Kunst“ – ein Begriff, der so absurd wie widersprüchlich erscheint. Und doch war es die Bezeichnung für die Kunstwerke, die die Nationalsozialisten von 1937 an aus deutschen Museen beschlagnahmten. Einziger Grund: Die Kunst hatte nicht ihren ideologischen Vorstellungen entsprochen. Von den mehr als 21 000 beschlagnahmten Werken seien rund 5000 vernichtet und gut 8700 ins Ausland verkauft oder gegen ältere Stücke eingetauscht worden. Bernhard Alois Böhmer war einer von wenigen vom Reichspropagandaministerium privilegierten Kunsthändlern, der mit „entarteter Kunst“ handelte. „Er machte eine Menge Geld mit dem Verkauf von Werken aus seiner privaten Sammlung“.

Es war nicht nur das Geld, das Böhmer antrieb. „Er wollte den Expressionismus retten“, konstatiert Stuth. Böhmer habe zahlreiche Werke von Ernst Barlach, einem ihm langjährig eng Vertrauten und Künstler des Expressionismus, zurückgekauft. Mehr als 400 Barlach-Werke waren als „entartete Kunst“ aus öffentlichen Sammlungen entfernt und weiterverkauft worden.

Nicht ohne Grund sei die öffentliche Meinung über Böhmer geteilt. „Die einen bezeichnen ihn als einen Mann, der die Nazis bei ihren Gräueltaten unterstützt hat und die anderen sehen ihn als einen Kunstretter“. Barlach nannte den Kunsthändler „meinen guten wie meinen bösen Engel“. Böhmers Privatsammlung habe ursprünglich aus gut 1000 Werken bestanden. Nach Böhmers Freitod im Mai 1945 wurden diese von der sowjetischen Militäradministration beschlagnahmt und in das Kulturhistorische Museum in Rostock gebracht. „Einige der Kunstwerke wurden an die Herkunftsmuseen übergeben, von denen jedoch viele konstatierten, dass die Sammlung zusammenbleiben soll“, sagt Stuth.

Heute befinden sich noch 613 Werke aus seinem Bestand in Rostock. „Die Kunst aus dem Böhmer-Nachlass soll als eine geschlossene Sammlung öffentlich zugänglich bleiben“, sagt Kunsthistorikerin Meike Hoffmann. Die Werke beinhalten zahlreiche Spuren der Beschlagnahmeaktionen, was sie für die Forschung interessant macht, sagt sie. „Sie sind eine Art Erinnerungsstück an die damalige Zeit“. Ihr gemeinsames Schicksal hebe sie von anderen Kunstwerken ab und verändere ihre Wahrnehmung. Aufgrund dieser Besonderheit habe das Kulturhistorische Museum in Rostock im Oktober 2010 die Dauerausstellung, „Verfemte Moderne“ zu Böhmers Werken eröffnet. Diese bestehe aus einer Auswahl von zehn Gemälden, Plastiken sowie Grafiken.

Zu den bedeutendsten Ausstellungsstücken gehören neben der „Frauenschule“ von Oskar Schlemmer oder „Der kleine stehende Jüngling“ von Gerhard Marcks auch Objekte von Rudolf Belling wie sein berühmter Messingkopf. Kunstwerke von Oskar Moll, Christian Rohlfs, Wilhelm Lehmbruck sowie Ernst Barlach sind ebenfalls Teil der Ausstellung. Sie alle gehörten zu der „Schandausstellung“ von 1937, unter der die Nationalsozialisten „entartete Kunst“ zu Propagandazwecken gezeigt hatte.

Über das Schicksal dieser zehn Werke soll Anfang September entschieden werden. „Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat einen Antrag im Einvernehmen mit der Hansestadt Rostock gestellt, die Sammlung Böhmers in das nationale Kulturerbe aufzunehmen“, erklärt Steffen Freiberg vom Kultusministerium. Bei der Kultusministerkonferenz soll darüber eine Entscheidung getroffen werden. Bisher befinden sich aus Mecklenburg-Vorpommern gut 300 Werke von verschiedenen Künstlern im nationalen Kulturerbe.

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