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Theaterrezension : Meer Wahrheit?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin

von
erstellt am 18.Mai.2015 | 08:00 Uhr

Beginnen wir mit dem Schluss. Oder besser nach dem Schluss. Denn dann, wenn alle Messen gesungen sind, erwartet uns die vielleicht schönste Idee dieser an komischen und anspielungsreichen Erfindungen nicht gerade armen Inszenierung. Auf der Drehbühne haben sich zum Schlussapplaus alle Spieler wie in einem Wachsfigurenkabinett bewegungslos versammelt, fahren noch einmal an uns vorüber, um dann nach und nach aus ihrer Starre zu erwachen und den reichlich gespendeten Premierenapplaus entgegenzunehmen, mit dem am Freitagabend, trotz des offensichtlich nicht ausverkauften Großen Hauses des Staatstheaters, nicht gegeizt wurde.

In den gut zwei Stunden zuvor haben wir Henrik Ibsens wohl bekanntestes Drama „Ein Volksfeind“ gesehen. Jenes Stück, in dem der Badearzt Dr. Stockmann darauf beharrt, das Wasser seines Städtchens sei verseucht, und dies müsse nun unbedingt öffentlich gemacht werden. Worin ihm anfänglich auch fast jedermann zustimmt, bis der zu erwartende finanzielle Schaden für den Tourismusort mehr und mehr offenbar und der Volksfreund Dr. Stockmann zum Volksfeind wird. Nur nebenbei. Auch die Tatsache, dass Meister Ibsen selbst 1828 in der Stockmanns Gaard in Skien, Norwegen, geboren wurde, verweist auf die unübersehbare Verwandtschaft des aufmüpfigen Arztes mit dem Dramatiker, der sich zeitlebens von seinen Zeitgenossen unverstanden fühlte.

Welche Eindrücke vor allem bleiben von dieser Inszenierung? Zuerst vielleicht das sinnfällige Bühnenbild (Claudia Charlotte Burchard). Wenn John R. Carlson an Orgel und Klavier den Abend mit „Over the Sea“ eröffnet, blicken wir im Bühnenhintergrund auf eine Wand kleiner und großer Rohre, dahinter schimmert das Meer. Jene Rohre, durch die das verpestete Wasser strömen könnte. Zugleich sind die Rohröffnungen bestens geeignet, die Rolle von Türen zu übernehmen, aus denen die Spieler immer wieder fantasievoll auftauchen können.

Dem scheinbaren Realismus des Ibsen-Textes begegnet Ralph Reichel mit aufgedrehtem, komödiantischem bis groteskem Spiel. Zuweilen mag man daran erinnert werden, dass Regisseur Reichel die beiden gefeierten Schweriner Inszenierungen von Herbert Fritsch als Chefdramaturg begleitet hat. Er findet mit seinem bis in die kleineren Rollen hervorragenden Ensemble aber durchaus eine eigene Sprache. Zum Beispiel wenn er in entscheidenden Momenten die Handlung wie in Zeitlupe anhält, um etwa die nahezu greifbare Qual des Bürgermeisters anschaulich zu machen, der nicht ertragen kann, dass sein Bruder, Dr. Stockmann, gelobt wird. Oder die heile, fröhliche Pippi-Langstrumpf-Welt der ersten Szenen, als aus dem guten Doktor noch nicht der Volksverräter geworden ist.

Anspielungen auf Pegida-Abendspaziergänge oder Heidi Klums Bombenstimmung muss freilich nicht jeder mögen. Schier unglaublich aber, dass auch in Schwerin verseuchtes Grundwasser ein Thema war – erst vor wenigen Tagen im hiesigen „Volksboten“, so der Name der Zeitung im Stück, unter der Schlagzeile „Gift im Wasser: Bürger ahnungslos“ .

„Ein Volksfeind“ kann natürlich auch als Diskursdrama verstanden werden, darüber, ob und wie ein Einzelner seine Wahrheit gegen die Wahrheit der Masse leben kann. Zumal oft nicht ausgemacht ist, wessen Wahrheit sozusagen die wahrere ist. Ob sich einer, wie weiland Kohlhaas, gegen die Macht stellen darf.

David Emig, nach Jahren ans Schweriner Theater zurückgekehrt, macht diesen Zwiespalt in seinem Spiel zum Erlebnis. Wirrköpfiger, trinkfreudiger, weiser Narr, stellt er sich gegen Gott und die Welt und das Städtchen. Ein liebenswerter Intellektueller auf dem Wahrheitstripp, ist er bereit, Familie und Reputation zu opfern.

Simon Jensen als aalglatter, androgyner Bürgermeister setzt der rührenden Expressivität seines Doktor-Bruders eine kontrollierte, am Rande des Wahnsinns jonglierende Explosivität und kalte, untergründige Bösartigkeit entgegen.

Wohingegen der nordisch erblondete Amadeus Köhli und Christoph Götz als Zeitungsredakteure Hovstad und Billing schöne Porträts opportunistischer Vertreter ihrer Zunft liefern. Wie auch Jochen Fahr als Vertreter der kompakten Majorität ein Musterbeispiel jenes aufgedrehten, feigen Wendehalses zeichnet, die wir alle so gut kennengelernt haben und immer aufs Neue kennenlernen müssen.

Nur die Erfindung der tänzelnden, sirenengleich singenden Dame in der schweigenden Rolle des Meeres gibt einige Rätsel auf. Wenn die vermeintlichen Gewinner der Schlacht ums Wasser zum Schluss auf der Drehbühne, aus allen Rohren brüllend, ihren Sieg über den verräterischen Miesmacher feiern, kniet Dr. Stockmann allein mit seiner Wahrheit wie am Boden zerstört. Hockt dort die verlorene Hoffnung? Oder ein hoffnungsloser Verlierer?

Nächste Vorstellung am 21. Mai um 19.30 Uhr

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