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Liebe, Mobbing, Umweltprobleme

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erstellt am 21.Sep.2010 | 08:07 Uhr

Rostock/Schwerin | "Gibt es eigentlich Aliens?" Kinderbuchautor Frank Stieper blickt in die Runde seiner jungen Zuhörer. Einige zucken mit den Schultern, andere rufen lautstark "Ja!" Bei der Lesung aus seinem Buch "Besuch vom Mars" bittet Stieper sein Publikum um Ideen, wie der achtjährige Spezialagent Max die Herausforderungen bestehen kann und stimmt mit den Kindern immer mal wieder ein Lied an, das er auf der Gitarre begleitet. Eine von rund 6000 Lesungen für mehr als 250 000 Mädchen und Jungen, die der Friedrich-Bödecker-Kreis jedes Jahr organisiert - ein nach einem Pädagogen benannter Verein, der Autoren für Auftritte in Schulen vermittelt. Zur Bödecker-Jahrestagung trafen sich am Wochenende 150 auf junge Leser spezialisierte Schriftsteller zum Erfahrungsaustausch in Hannover.

Bruno Blume aus Buchberg kommt auf 120 Lesungen im Jahr in Kindergärten und Schulen. "Ich habe inzwischen 14 Kinderbücher veröffentlicht, aber es bleibt schwierig, an neue Aufträge zu kommen. Vor Themen wie Umweltschutz oder die Vernachlässigung von Kindern schrecken Verlage oft zurück, obwohl man mit Mädchen und Jungen darüber sehr gut sprechen kann", berichtet der 38-Jährige von seinen Erfahrungen. Zu einer Lesung gehört bei ihm nicht nur das spannende Vorlesen aus einem Buch, sondern das Vorspielen von Geschichten und das Zeigen von Bildern. Manchmal bringt er einen ganzen Baum mit, um mit seinem Publikum ins Gespräch zu kommen. "Auf dem Land geht das oft einfacher als in der Stadt, aber insgesamt stoßen Themen wie Mobbing oder Liebe bei allen Schülern auf großes Interesse", sagt der gebürtige Schweizer.

"Ich kann nicht sagen, dass Kinder heute weniger lesen als früher. Es gibt in jeder Klasse einige Mädchen und Jungen, die sogar selber Geschichten schreiben", sagt Jutta Schlott aus Schwerin. Seit mehr als 20 Jahren schreibt die ehemalige Lehrerin Romane, Hörspiele, Erzählungen und Gedichte, die häufig Konflikte aus dem Schulalltag aufnehmen. "Bei bestimmten Themen fehlt Kindern die Erfahrung, ansonsten schreibe ich für sie nicht anders als für Erwachsene", betont die 66-Jährige. Für sie wie für die meisten ihrer Kollegen sind die Lesungen zum Broterwerb wesentlich wichtiger als der Buchverkauf, bei dem der Autor in der Regel höchstens zehn Prozent des Verkaufspreises bekommt.

Klaus Meyer aus Rostock, bekannt für fesselnde Kinderliteratur wie "Weiße Wolke Carolin" und auch anspruchsvolles Niederdeutsches, gehört zu den Autoren, die regelmäßig Schreibwerkstätten mit Schulklassen durchführen, um so Lust auf Literatur zu machen. Vor einiger Zeit war Meyer eine Woche in einer 8. Gesamtschulklasse in Rostock-Lichtenhagen. Ein hartes Brot: Viele Jugendliche weigerten sich zunächst persönliche Dinge aufzuschreiben, kaum einer traute sich seine Geschichte vorzulesen - aus Angst, von Mitschülern ausgelacht zu werden. Am Ende freuten sich die meisten Schüler, dass sie nun ihre Gefühle besser ausdrücken konnten. Meyers Fazit: "Schüler, die kaum in der Lage waren auch nur einen Satz über sich zu schreiben, konnten seitenlang Fantasy-Abenteuer oder den Inhalt von Computerspielen wiedergeben. Die Inhalte der meisten Arbeiten offenbaren jedoch, dass die von den Teilnehmern nach außen gezeigte emotionale Verarmung oder Einseitigkeit nur Fassade ist. Die Werkstatt war ein positiver Versuch, diese Fassade zu knacken."

Auch die Geschichten der Rostocker Schüler werden im Archiv für Kindertexte in Halle gesammelt, wo sich 80 000 Texte aus 100 Jahren finden. Die Gründerin Eva Maria Kohl nahm auf der Tagung in Hannover den mit 2000 Euro dotierten Friedrich-Bödecker-Preis als Auszeichnung für diese weltweit einzigartige Sammlung entgegen. In ihrer Dankesrede zitierte sie einen ihrer Kinder-Lieblingstexte: "Es waren einmal zwei Riesen, die sehr gerne strickten. Plötzlich fielen ihre Wollknäuel auf die Erde. So entstanden die Schafe."

Jedes Jahr erscheinen rund 7500 neue Kinder- und Jugendbücher in Deutschland. Der Umsatz bei Kinder- und Jugendbüchern lag 2009 stabil bei rund 1,5 Milliarden Euro. "Die Nachfrage nach Lesungen in den Schulen ist riesengroß", sagt Udo von Alten, Geschäftsführer des Friedrich-Bödecker-Kreises. Entscheidend sei die Förderung durch die Bundesländer - Mecklenburg-Vorpommern gibt hierfür laut von Alten nur wenig Geld aus, so dass in unserem Bundesland Autoren selten in Schulen lesen.

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