Wismar : Kunstraub hinterließ tiefe Spuren

Der Brandenburger Restaurator Jens Zimmermann verklebt Schadstellen an der  1823 gedruckten Panorama-Tapete. Das drei mal neun Meter große Kunstwerk gehört zum Tapetenzyklus „Reisen des Telemach auf die Insel Calypso' und soll an seinem ursprünglichen Ort in einem denkmalgeschützten Giebelhaus in der Innenstadt von Wismar ab nächstem Jahr wieder zu sehen sein.
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Der Brandenburger Restaurator Jens Zimmermann verklebt Schadstellen an der 1823 gedruckten Panorama-Tapete. Das drei mal neun Meter große Kunstwerk gehört zum Tapetenzyklus „Reisen des Telemach auf die Insel Calypso" und soll an seinem ursprünglichen Ort in einem denkmalgeschützten Giebelhaus in der Innenstadt von Wismar ab nächstem Jahr wieder zu sehen sein.

Die wertvollen Tapeten aus Wismars neuem Welterbezentrum werden restauriert – Diebe hatten große Schäden an den Bildern verursacht

Wie kommen Schuhspuren auf eine historische Wandtapete? Restaurator Jens Zimmermann aus dem brandenburgischen Heiligengrabe ist immer noch entsetzt über solchen Frevel. In einer Nacht- und-Nebel-Aktion rissen Ende 1995 Tapeten-Diebe die wertvollen Panorama-Drucke von den Wänden eines leerstehenden Fachwerkhauses in der Altstadt von Wismar. Aber der dreiste Kunstklau wurde schnell entdeckt. Die Polizei wandte sich mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit und bewegte die Einbrecher zur Rückgabe der unverkäuflichen Bildtapeten, wie Wismars Welterbe-Beauftragter Norbert Huschner erzählt.

Die Hansestadt gehört seit 2002 gemeinsam mit Stralsund zum Unesco-Weltkulturerbe. Ein Welterbe-Besucherzentrum, das dritte seiner Art in Deutschland nach Regensburg und Stralsund, entsteht seit 2011 für mehr als vier Millionen Euro in dem historischen Gebäudeensemble Lübsche Straße 23, dem einstigen Tatort. Zur Eröffnung des neuen Ausstellungs- und Veranstaltungshauses am Welterbetag, dem 1. Juni 2014, soll auch der repräsentative Tapetensaal samt der ringsum verlaufenden Panorama-Bilder wieder hergerichtet sein.

Die seltene Wandverkleidung wurde 1823 in Paris aus kunstvollen Papierdrucken und einem Untergrund aus Sackleinen hergestellt. Für die filigranen Farbdrucke waren 2087 Druckstöcke nötig. Dargestellt ist die Geschichte aus der griechischen Mythologie „Reise des Telemach auf die Insel der Göttin Calypso“. Neben Wismar besitze das Museum of Modern Art New York Fragmente des gleichen Tapetenzyklus, sagt Huschner. Der Wert der maßgefertigten Bildtapete sei unermesslich.

Der Krimi um den Tapeten-Klau von 1995 nahm schließlich ein gutes Ende. „Die Täter bekamen wohl kalte Füße und brachten ihre Beute zurück“, berichtet Huschner. Nur wenige Tage nach dem Diebstahl deponierten Unbekannte die insgesamt 64 Quadratmeter großen Bilderbahnen – aufgerollt und verpackt – auf einem Parkplatz in der Hansestadt. Ein anonymer Anrufer gab den Hinweis, so dass der Schatz rasch geborgen und in einem Archiv untergebracht werden konnte.

Der Kunstraub hinterließ aber tiefe Spuren. Mit einem Cuttermesser hätten die Diebe die Bilder von den Rahmen geschnitten und heruntergerissen, schildert der Restaurator. Umlaufende Bordüren wurden abgetrennt. Offenbar traten die Täter auf die am Boden liegenden Kunstwerke und falteten sie grob zusammen. Schuhabdrücke, Schürfstellen, Knicke, Brüche und Risse entstanden. Ohne ihren Spannrahmen schrumpften die Tapeten über die Jahre um rund ein Prozent, sie schlugen Dellen und Falten.

„Ohne die Vandalismusschäden hätte jetzt ein Drittel des Aufwands zum Restaurieren gereicht“, schätzt Jens Zimmermann ein. Rund 100 000 Euro koste nun die Restaurierung der teuren Tapeten seit Anfang 2013 in Heiligengrabe. Mehrere Monate habe er mit Pinsel und Schwamm Staub und Schmutz, Kerzenruß und Wachsspritzer entfernen müssen, erklärt der Fachmann. Sehr aufwendig war das Anfügen der abgeschnittenen Ränder, an denen die Bildtapeten auf neue Rahmen aufgezogen werden.

Bis Weihnachten will der Kunstrestaurator, der auch schon die Leinwandtapeten im Stralsunder Welterbezentrum sanierte, die Papier- und Textilarbeiten an den Wismarer Panorama-Tapeten abgeschlossen haben. Dazu gehöre auch, die Druckwerke auf ihr ursprüngliches Maß zu strecken und zu glätten, erklärt Zimmermann. Im neuen Jahr sollen dann die farblichen Retuschen beginnen. „Die höchst präzisen Druckbilder sehen aus wie gemalt. Sie wirken so farbenfroh und plastisch. Und dank ihrer Maßanfertigung kleiden sie den Saal komplett aus, es entsteht ein homogener Raumeindruck.“


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